Wissensmanagement – und die Sprache?

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Die meisten Wissensmanagement-Aktivitäten vollziehen sich im Medium Sprache. Trotzdem spielt die Qualität dieses Mediums in der Theorie und in der Praxis des Wissensmanagements praktisch keine Rolle. Dies zeigen die täglichen Erfahrungen in der Praxis und viele empirischen Untersuchungen. Zahlreiche sprachliche Mängel führen dazu, dass der effektive und effiziente Umgang mit Wissen erheblich beeinträchtigt wird. Die Folgen sind Zeitverluste, finanzielle Einbußen und Imageprobleme bei den Kunden.


Wissensmanagement zwischen Technik und Mensch

In der Informations- und Wissensgesellschaft und in der globalisierten Welt von heute gilt Wissen zu Recht als "Schlüsselressource der postindustriellen Ära" (North), als "vierter Produktionsfaktor", als Wertschöpfungsgenerator Nr. 1. Darüber dürfte wohl Einigkeit bestehen: ein effektives, effizientes und befriedigendes Wissensmanagement (nach ISO 9000) erfordert im Allgemeinen eine solide informationstechnologische Infrastruktur. Allerdings haben wir deren Bedeutung lange Zeit überschätzt. So haben Untersuchungen vor kurzem gezeigt, dass klein- und mittelständische Unternehmen ggf. auf IT-Unterstützung völlig verzichten können (1). Und generell wird in der Trias Technik, Organisation und Mensch letzterer als immer bedeutsamer eingeschätzt. In diesem Zusammenhang wächst auch die Einsicht in die Bedeutung der so genannten "weichen Faktoren". Hierzu gehören z.B. psychologische Momente wie Kognition, Motivation, Emotion und soziale Interaktion, deren Bedeutung bis heute unterschätzt wird (2), aber auch die didaktisch-methodischen Fähigkeiten, um begründet Ziele zu formulieren, Inhalte auszuwählen und anzuordnen und sie leser- und lernerfreundlich zu gestalten.


Die Funktion der Sprache beim Wissensmanagement

In der Literatur zum Wissensmanagement wird die Bedeutung des Mediums Sprache weitestgehend ausgeblendet (3). Ihr Funktionieren wird offensichtlich als selbstverständlich vorausgesetzt. In Standardwerken zum "Wissensmanagement" wird die unentbehrliche "Enabler"-Funktion von Sprache allenfalls kurz und am Rande thematisiert. "Nice to have", eine nützliche "Zutat", aber "eigentlich vernachlässigbar".

Dabei nimmt unter den weichen Faktoren die Sprache eine besondere Stellung ein: sie ist ein "Akt sozialer Konstruktion einer organisationalen Wirklichkeit" (Neumann): Sprache ist das wichtigste Medium, in dem sich Wissen kristallisiert und transportabel macht. Sowohl bei der Generierung und Repräsentation als auch bei der Verteilung und Nutzung von Wissen: Wissen wird überwiegend in Texten und durch Texte konstituiert. Explizites Wissen kann nicht direkt, sondern nur über Kodierungen aufgenommen und weitergegeben werden. Und wenn eine Kodierung nicht verstanden oder missverstanden wird, ist Wissen weder aufnahmefähig noch nutzbar. Aber auch bei der Bewusstmachung impliziten Wissens spielt Sprache die bedeutsamste Rolle.

Was die Kommunikation beim Wissensmanagement fehleranfällig macht, sind zwei Umstände:

  • 1. Eine "Paketmetapher" oder ein "Transport-Modell" von Wissen und Wissensverteilung ist unangemessen: Wissen wird nicht einfach vom Sender zum Empfänger "geschickt" und von diesem "als solches" aufgenommen. Wir müssen vielmehr von einem konstruktivistischen und weitgehend sprachlich "bevormundeten" Verständnis von Wissenskommunikation ausgehen: Der Empfänger (re-)konstruiert die Botschaft aufgrund seiner individuellen Sprach- und Welterfahrung, seiner Ziele, Interessen und Verstehens-Strategien. Die Informationen des Senders der Botschaft sind nur "Hinweise" an den Empfänger, diejenige Bedeutung zu (re-) konstruieren, die der Sender gemeint hat. Insofern ist das Gelingen des Verstehens alles andere als selbstverständlich. Die Kommunikationswissenschaft ist sich deshalb darin einig, dass alle zwischenmenschliche Kommunikation unzuverlässig funktioniert.

    Hinsichtlich des Kommunikationserfolgs sind kommunikative Sozialhandlungen "fallibel" (der Täuschung ausgesetzt) (4, 5). Auch die Äußerung des Zuhörers: "Ich habe verstanden" besagt nicht, dass das tatsächlich der Fall ist.


  • 2. Jeder, der spricht oder schreibt, geht aber davon aus, dass sein Gesprächspartner oder Leser ihn versteht. Warum? Er hält sich – wie jeder Mensch – für hinreichend intelligent, und außerdem hat er in der Schule Deutsch gelernt.

    Und die Hörer und Leser solcher Texte? Die werden sich im Allgemeinen hüten einzugestehen, dass sie nicht verstanden haben. Denn Nicht-Verstehen wird in unserer Gesellschaft mit einem Mangel an Intelligenz assoziiert. Und wer möchte sich diesem "Verdacht" aussetzen? Und so geht es hier a) um ein Tabuthema, das selten "ruchbar" wird und b) um ein grundlegendes Missverständnis, das verhindert, dass jeder dieses Problem auch "als seins" begreift und etwas für die Verbesserung seiner kommunikativen Kompetenz tut. Für diese Zusammenhänge muss also immer erst sensibilisiert werden. Kaum jemand wird von sich aus sagen: "Ich sollte lernen, verständlicher zu sprechen und zu schreiben."
Fast alle Grundsituationen und –aktivitäten des systematischen Wissensmanagements sind auf eine präzise und verständliche Sprache angewiesen:

  • der firmeninterne Wissensaustausch und das Externalisieren von implizitem Wissen bei der Wissensgenerierung oder bei der Konservierung von Wissen beim Ausscheiden eines Mitarbeiters

  • die Kontakte mit Handel und Zulieferern

  • die Öffentlichkeitsarbeit

  • die Kooperation mit externen Wissensträgern und schließlich

  • die vielfältigen Kundenkontakte (per Korrespondenz, Anleitungen, CRM, Hotlines, Werbung, Außendienst-Aktivitäten usw.).

Wie sieht das in der Alltagspraxis der Unternehmen aus?

Die alltägliche Unverständlichkeit
Erfahrungen mit sprachlich schwer verständlicher Wissensvermittlung machen wir alle fast täglich: bei E-Mails, Best-Practice-Dokumenten, Lohnsteuerformularen, Behördenschreiben, Bedienungsanleitungen, Arzneimittel-Beipackzetteln und Hard- und Software-Handbüchern, aber auch in der Weiterbildung und bei den "kleinen Missverständnissen" in der Alltagskommunikation ("Ach, so haben Sie das gemeint!").

Beispiel 1: Texte wie der folgende sind auch für die Experten nicht leicht verdaulich: Anmerkung: Metallteile, die von aktiven Metallteilen durch mit dem Schutzleiter verbundene Metallteile, und Metallteile, die von aktiven Metallteilen durch doppelte Isolierung oder verstärkte Isolierung getrennt sind, gelten im Sinne dieser Anforderung nicht als Teile, die im Falle eines Fehlers der Isolierung unter Spannung stehen können (aus der Europanorm EN 60598).

Beispiel 2: In der Pressekonferenz eines deutschen Konzerns haben die anwesenden Journalisten Schwierigkeiten, Einzelheiten des Jahresberichts zu verstehen, weshalb sich (laut Braunschweiger Zeitung) der Vorstandvorsitzende persönlich genötigt sind, die Unklarheiten zu beseitigen. Sicher kein Ruhmesblatt für die Firma.

Beispiel 3: Der Leiter der Kommunikation eines großen Unternehmens bittet mich zu Beginn einer Besprechung um Nachsicht: er habe gerade auf einer e-Mail eine Information erhalten, die nicht so ganz klar sei. Er verlässt den Raum, um "kurz nachzufragen". Erst nach 7 Minuten kann das Gespräch fortgesetzt werden. Sein Kommentar zu der Mitteilung: "Das soll nun ein Mensch verstehen …!"

Was kosten eigentlich das Unternehmen 7 Minuten eines Top-Managers? Und wie viele vergleichbare Verständnisschwierigkeiten und Missverständnisse gibt es pro Tag in jedem Unternehmen?

Wie hoch sind insgesamt die Kosten sprachlich ineffizienten Wissensmanagements? Experten schätzen, dass der deutschen Wirtschaft allein durch mangelhaft formulierte Gebrauchsanweisungen jährlich Schäden bis zu einer Milliarde Euro entstehen (DER STERN (3/2000, DER SPIEGEL 48/1997). Nur durch Gebrauchsanweisungen? Wie hoch werden dann die durch eine schwer verständliche Sprache verursachten Kosten für das gesamte Wissensmanagement der deutschen Wirtschaft sein? Und wie hoch für jede einzelne Firma?


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 1: Was heißt eigentlich: "verständliche Sprache"

07/2006, Prof. Dr. Günther Zimmermann



Prof. Dr. Günther Zimmermann ist Sprachwissenschaftler an der TU Braunschweig. 2004 gründete er (zusammen mit Uwe Kalinowski), die Firma lingua@MEDIA (www.linguaetMEDIA.de), die sich primär mit Textoptimierung und Wissensmanagement beschäftigt.


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