Andere Länder, andere Sitten: Kulturelle Unterschiede bei der Nutzung von MySpace

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Das Web ist "world wide", es kennt kaum politische oder geografische Grenzen. Macher von
Webseiten für einen globalen Markt stehen vor der Herausforderung, ihre Angebote für das
Ausland genauso erfolgreich wie für das Inland zu gestalten. Dabei reicht es nicht, die
Texte in die jeweilige Landessprache zu übersetzen. Eine gut bedienbare Webseite, die den
Anforderungen der Nutzer entspricht, berücksichtigt kulturelle Besonderheiten in Inhalten,
Funktionalität und grafischer Gestaltung.
Welche besonderen kulturellen Unterschiede gibt es also bei der Nutzung von Social
Networking Seiten? Wie verhalten sich Nutzer im Web 2.0 in Italien, wie in China?
Welche Konsequenzen haben die Erkenntnisse für die Gestaltung der Webseiten?
Diese Fragen
beantwortet eine Studie der User Interface Design GmbH (UID) und der International
Usability Partners (IUP). Die Usability-Experten haben den Nutzern der Community MySpace
in Großbritannien, Deutschland, Italien und China auf den Zahn gefühlt.

MySpace
27 Teilnehmer wurden in jeweils einstündigen Usability Tests und qualitativen Interviews befragt und
beobachtet. Die Studie zeigt, dass Menschen in verschiedenen Ländern Social Networking Seiten ganz
unterschiedlich nutzen:
Preisgabe von persönlichen Informationen bei der Registrierung
Nutzer in Italien und England offenbaren alle im Registrierungsformular gefragten
Informationen ohne Bedenken. Deutsche sind etwas weniger offenherzig und hinterfragen die
Notwendigkeit der Angabe von Geburtsdatum und Postleitzahl. Sie möchten nur persönliche
Informationen preisgeben, wenn der Nutzen und die Verwendung klar geregelt sind. Nutzer in
China geben fast nie ihre echte E-Mail Adresse an; Geburtsdatum, Postleitzahl und Foto
sind oft erfunden.
Alle Nutzer schätzen die Möglichkeit sehr, nur einem eingeschränkten Personenkreis Zugriff
auf die eigenen Informationen zu geben. In Deutschland spielt außerdem die subjektiv
wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit einer Webseite eine Rolle. Auf OpenBC/XING werden
wesentlich mehr Informationen eingestellt als auf MySpace. Die meisten Nutzer orientieren
sich daran, wie sich die Mehrheit der Nutzer verhält.
Networking und Kommunikation
In Deutschland und England dienen Social Networking Seiten vorrangig der Pflege von
Freundschaften oder Geschäftskontakten. Kontakt zu Fremden entsteht fast ausschließlich
über bestehende Kontakte (Freunde von Freunden). In Italien und besonders in China werden
die Webseiten auch dazu genutzt, neue Kontakte zu Fremden zu knüpfen. Chinesen nehmen
gerne Kontakt zu englischsprachigen Nutzern auf, um die Sprache zu lernen. Dabei suchen
und kontaktieren Nutzer in China aktiv neue Kontakte und lassen sich weniger gern selbst
von Fremden ansprechen.
Personalisierung des Profils
In England und Italien ist die Möglichkeit, das eigene Profil grafisch und inhaltlich
individuell zu gestalten eine der Hauptattraktionen von Social Networking Seiten. Nutzer
in England betonen das Bedürfnis nach einer attraktiven und akkuraten Selbstdarstellung.
In China und Deutschland sind den Nutzern Möglichkeiten der Personalisierung weniger
wichtig.
Usability Probleme
Die Usability Probleme, die die Studie zu Tage brachte, unterscheiden sich kaum zwischen
den einzelnen Ländern. Diese Schwächen von MySpace entdeckten die Teilnehmer der Studie:
- Alle Studienteilnehmer hatten Schwierigkeiten die Fülle der Informationen auf der
MySpace Homepage zu überblicken. Sie bewerteten die Seite als unübersichtlich und grafisch
unattraktiv. "Das ist mir schon gleich mal zu viel, diese ganzen Pop-ups und das Geblinke, ich weiß gar
nicht, wo ich hier anfangen soll."
- Die Suchfunktion ist unklar. Typische Fragen der Teilnehmer waren dabei: Wo wird
gesucht? Was ist der Unterschied zwischen der Suchfunktion oben auf der Seite und den
Reitern "Browse" und "Search" in der Hauptnavigation?
- Alle Teilnehmer hatten Usability Schwierigkeiten bei der Registrierung. Insbesondere bei
der Auswahl des Passworts musste sich fast jeder Teilnehmer mehrfach mit Fehlermeldungen
auseinandersetzen. (Nach der dritten Fehlermeldung) "Wenn es jetzt nicht klappt, dann breche ich das hier ab,
weil ich frustriert bin!"

Fazit
Die Erkenntnisse der Studie zeigen, dass MySpace sein Angebot an landes- und
kulturspezifische Besonderheiten anpassen muss, um den Bedürfnissen aller Nutzer gerecht
zu werden. Internationale User Experience Studien sind unverzichtbar für globale
Webseiten. Nur auf Grundlage von Wissen über kulturelle Besonderheiten in verschiedenen
Zielmärkten können wir erfolgreiche Webseiten gestalten.
Auch wenn kulturelle Unterschiede in Inhalten, Funktionalität und grafischer Gestaltung
berücksichtigt werden, gibt es die volle Punktzahl nur für Webseiten, die auch optimal
bedienbar sind. Mit Usability-Problemen kämpfen Nutzer in Deutschland, China und den USA
gleichermaßen, kulturelle Unterschiede spielen kaum eine Rolle. Usability Tests
versprechen Abhilfe.
Erschienen: 02/2007
Autor: Jakob Biesterfeldt

|  | Jakob Biesterfeldt ist Manager User Research für die User Interface Design GmbH (UID) in München und leitet die International Usability Partners (IUP) für weltweite Nutzerstudien. Website: www.uid-user-research.com
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