Webstandards erobern das Internet

Autor: Ansgar Hein
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Letzter Beitrag: 01/2009
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Woran liegt es wohl, dass immer mehr bekannte Portale beim Relaunch Ihrer Websites auf die Einhaltung moderner Webstandards achten? Von MTV bis ZEIT, von Barmer bis Pfizer – gute Gestaltung und gute Zugänglichkeit gehen Hand in Hand. Freilich, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Kleinere Macken und unachtsamer Umgang mit den neu erworbenen Websites führen zuweilen dazu, dass die Nachhaltigkeit gefährdet wird, wie zum Beispiel bei MTV.





Dort hat man zwar auf nerviges "Klickibunti" weitestgehend verzichtet und dabei auch gleich Layout-Tabellen den Garaus gemacht, allerdings hat man bei der standardkonformen Umsetzung der neuen Website auch ein wenig geschlampt. In der Folge validieren die Seiten nicht und beim genauen Hinsehen fallen auch die automatisierten Alternativtexte für Bilder sehr unangenehm auf.


Zeit für einen Wandel

Auch die ZEIT hat sich – ebenso wie WELT ONLINE – von Layout-Tabellen verabschiedet, beide Portale sollten nun also rank und schlank sein. Zumindest bei der ZEIT ist das jedoch nicht der Fall: Fast ein Megabyte wiegt der erste Seitenaufruf – wohl dem, der eine DSL-Verbindung sein Eigen nennt.





Die Tabellen-Layout-Variante der Seite hatte zwar auch rund 300 Kilobyte, war damit aber immer noch rund zwei Drittel kleiner als die aktuelle Version.

Das hat man beim Relaunch der WELT ONLINE deutlich besser hinbekommen: Dort wiegt die neu gestaltete Website rund 350 Kilobyte, die Vorgänger-Version mit Layout-Tabellen brachte es auf stolze 650 Kilobyte.





Einen Großteil machen bei beiden Version schlecht optimierte Bilder aus – eine Krankheit großer Portale, die aus Unwissenheit und blindem Technikvertrauen resultiert. Oftmals werden Grafiken direkt im CMS bearbeitet und dann im falschen Format bzw. ohne Weboptimierung gespeichert – mit verheerenden Folgen. Quadratische Mini-Bilder mit gerade mal 100 Pixel Kantenlänge mutieren zu 80 Kilobyte großen Speicherfressern, wo es nur 6 Kilobyte hätten sein müssen.

Doch es gibt auch andere Ladezeiten-Ungeheuer, speziell seitdem hippe Effekte mit jQuery, moo.fx und Co. in Form von JavaScript stark im Kommen sind. Kein Wunder also, dass beide Portale sich mit mächtigen Funktionserweiterungen schmücken, die sich wiederum auf die Ladezeit auswirken. Dies ist sicherlich auch ein Resultat der kollektiven Massenhysterie: Während bei Veranstaltungen wie next07 oder dem WEB 2.0 Kongress der Hype rund um AJAX und schicke Effekte geschürt wird, fristen die Themen Webstandards und Barrierefreiheit in der öffentlichen Wahrnehmung eine Art Schattendasein abseits des Scheinwerferlichts.

Zwar gibt es auch hier Veranstaltungen, wie Best of Accessibility – Symposium Barrierefreies Webdesign, webinale 07 oder zahllose BarCamps, aber der breiten Öffentlichkeit ist Web 2.0 bekannter als Barrierefreiheit, selbst wenn kaum jemand weiß, was beide Begriffe wirklich bedeuten.


Blogs als Nährboden für aufkeimende Entwicklung

Wer heute ein Weblog sein Eigen nennt und eines der zahlreichen Blogsysteme im Einsatz hat, tut damit zumeist auch etwas für Webstandards – sei es nun wissentlich oder unwissentlich. Fakt ist: Fast alle Weblogs basieren heute auf validem HTML, kommen ohne Layout-Tabellen aus und nutzen Cascading Stylesheets zur Gestaltung.

Dies vor allem deshalb, weil zahlreiche frei verfügbare Layouts (Themes) bereits mitgeliefert werden und den zuvor genannten Webstandards entsprechen. Auf der anderen Seite fördert aber auch das soziale Miteinander, auch Web 2.0 genannt, diesen Trend: Man tauscht sich intensiver über Technik aus, lernt von anderen Blog-Schreibern und trägt durch den kollektiven Austausch zur Verbreitung der Idee bei.

Vielleicht würde die Entwicklung noch besser verlaufen, wenn man in Studium und Ausbildung endlich die Themen Barrierefreiheit, Usability und Webstandards mit berücksichtigen würde. Scheinbar fällt es den entsprechenden Institutionen nicht leicht, mit den Entwicklungsschüben Schritt zu halten, weshalb es immer an einzelnen Personen liegt, wie und ob die vorgenannten Themenblöcke in den Lehrplan integriert werden. Deshalb ist gerade der Positiv-Trend jener, die Blogs, Wikis oder ähnliches betreiben, von so großer Bedeutung: Sie sind die hoffnungsvollen Keimzellen der Webstandards.


Webstandards sind keine Modeerscheinung

Das zeigen Beispiele, wie WELT ONLINE oder neuerdings auch der SWR ganz deutlich.





Sie sind das Ergebnis langjähriger Erfahrungen und dem daraus resultierenden Wissen, dass die Einhaltung von Standards und Richtlinien allen zugute kommt. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, wie sehr präzise diese Standards eingehalten werden, auch wenn das unter Webstandards-Hardlinern gerne anders gesehen wird. Wichtig ist, dass sich mehr und mehr Verantwortliche auf den Weg machen und moderne Webstandards einsetzen.


Kernsanierung im Web

Leider ist die Quote derer, die Webstandards einsetzen, im Verhältnis zu jenen, denen Webstandards noch nichts bedeuten, zum gegenwärtigen Zeitpunkt relativ gering. Weltweit. Hoffnung machen die Entwicklungen des Web 2.0, die nicht mehr aufzuhalten oder umzukehren sind. Zuviele machen bereitwillig mit und verbreiten so, bewusst oder unbewusst, immer auch Webstandards.

Neue Websites sollten, ähnlich wie Wohnhäuser, nicht immer einfach nur renoviert werden. Neue Tapeten und Teppiche ändern nichts daran, dass kein Aufzug in den fünften Stock führt, dass das warme Wasser mit einem Boiler erzeugt werden muss und es im Winter durch die Fenster zieht. Oder um es anders zu sagen: Häufig ist eine Kernsanierung die langfristig bessere und kostengünstigere Lösung.

Zugänglichkeit, Komfort, Ausstattung und Lebensqualität verbessern sich häufig automatisch durch den zielgerichteten Einsatz von Webstandards

Dazu muss man allerdings die Grundlagen verstanden haben, sonst kommen Lösungen heraus, wie bei der ZEIT: Lange Ladezeiten, mangelhafte Unterstützung älterer Ausgabegeräte und ohne JavaScript geht fast gar nichts. Die Folge: Frustration beim Nutzer und fast zwangsläufig der Klick zur Konkurrenz. Dieses Verhalten ist so alt, wie das Web.

Häufig fehlt es am Wissen um die Basics. Daran tragen jene, die Webstandards nach vorne gebracht haben und bringen leider eine nicht unerhebliche Mitschuld. Diese Vorkämpfer sind der Masse enteilt, befassen sich mit esoterischen anmutenden Spezialfällen und vergessen dabei leider allzuoft die Menschen, die man mit auf die Reise nehmen wollte: Alle, denen Webstandards noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind, die den Anfang des Fadens suchen. Wer den roten Faden einmal gefunden hat, sei es in Form eines Buches, eines Symposiums oder eines BarCamps, dem offenbaren Webstandards einen Ozean neuer Möglichkeiten, in den man eintaucht und dessen Wellen einen an immer neue Ufer tragen: Surfen in Reinkultur.


05/2007, Ansgar Hein





Ansgar Hein beschäftigt sich schon seit 1994 mit den Anforderungen komplexer Internet-Lösungen und Content Management Systeme. Als Mitgeschäftsführer der Agentur anatom5 und Mitbegründer des Barrierekompass engagiert er sich für barrierefreie Websites.
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Kommentare zu diesem Beitrag 


Webstandards erobern das Internet  
Fachartikel 21.05.07
Re: Webstandards erobern das Internet  
Peter Rozek 05.06.07

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