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Knowledge-Management im Zeitalter von Web 2.0 und Open Source

Knowledge- und Information-Management ist eine Disziplin, die Informatik-Spezialisten
und -Benutzer schon lange beschäftigt, doch erst mit neuen Technologien aus dem Open-
Source- und Web-2.0-Umfeld scheinen die schon früh geweckten Hoffnungen erfüllt
werden zu können.
Die Anfänge
Während die ersten Computer noch primär auf die Verarbeitung von strukturierten Daten ausgelegt
waren, entstanden schon bald Anwendungen, die unstrukturierte Daten und Informationen
verarbeiten und erzeugen konnten. Beispiele dafür sind Textdokumente wie Briefe, Illustrationen
oder Bilder, neuerdings auch Ton- und Video-Dokumente. Ein grosser Anteil des menschlichen
Wissens, aber auch kritisches betriebliches Know-How ist ausschliesslich als unstrukturierte
Information gespeichert. Nicht zufällig hat sich darum herum eine ganze Disziplin im Umgang mit
diesen Daten gebildet: Knowledge-Management. In den späten Neunzigerjahren war diese
Disziplin sehr "en vogue", wurde aber in den letzten Jahren durch einfach messbare und
implementierbare Kostensenkungs-Initiativen verdrängt.
Typische Lösungen, die im Rahmen von Knowledge-Management-Initiativen implementiert wurden,
beinhalteten oftmals Document-Management-, Content-Management-, Portal-, Workflow-,
Collaboration- oder Search-Engine-Komponenten, respektive eine Kombination dieser Technologien.
Obschon viele dieser Plattformen an sich über reichhaltige Funktionalitäten verfügten und mit viel
Liebe und Hingabe geschaffen wurden, blieb der Erfolg trotzdem hinter den Erwartungen zurück.
Gründe für den fehlenden Erfolg waren unter anderem die Unmöglichkeit, jede Information eindeutig
zu beschreiben, der Aufwand, der durch die Knowledge-Management-Plattform zusätzlich auf die
Nutzer und den Informatik-Betrieb zukam, nicht ausreichende oder zu teure Computer-Ressourcen
und die fehlende Integration in Geschäftsprozesse und zugehörige Applikationen. Der fehlende
Erfolg kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die fundamentalen Probleme rund um die
Generierung von Wissensinhalten und deren Verwendung ungelöst sind.
Die Welt ist
allerdings auch nicht stehengeblieben seit den späten Neunzigerjahren, als Knowledge-Management
ein Schlüsselthema von IT-Konferenzen und Beratern war. Viele Aspekte von Knowledge-
Management wurden in andere Anwendungen integriert, kaum ein CRM-System, kaum eine Website,
kaum ein Business-Support-System, das nicht gewisse Aspekte von Knowledge-Management
abdeckt. In Fachkreisen wird hierbei von "embedded" (eingebettetem) Knowledge-Management
gesprochen.
Situation heute
Die Situation, die sich IT-Entscheidern heute stellt, ist kompliziert. Über die Zeit wurden viele
Anwendungen gekauft, gebaut und integriert und viele dieser Anwendungen enthalten "Knowledge"
oder Wissensinhalte. Die Plattformen, die im Sinne von Knowledge-Management in der
Vergangenheit gebaut wurden, sind nach wie vor vorhanden und in Form von Intranets und Portalen
präsent. Zur Speicherung unstrukturierter Daten wurden oftmals zweckspezifische Document-
Management-Anwendungen bereitgestellt und/oder "shared-Filespace" eingesetzt.

Dies stellt die Organisation vor eine Reihe von Problemen:
- Die traditionellen Technologien sind keine gute Basis für die "virtuelle" Zusammenarbeit
(Collaboration) von Mitarbeitern, die am selben Problem arbeiten. Hauptsächlich wird hierzu
heute E-Mail eingesetzt, was oftmals eher in "Spamming" mündet als in effektive
Zusammenarbeit.
- Die heutigen Technologien und Systeme sind meist hierarchisch aufgebaut und fördern
individuelle Zusammenarbeit nicht.
- Eine unternehmensweite Suche nach Informationen ist meist nicht möglich und führt, selbst
wenn technisch ermöglicht, meist nicht zu sinnvollen Resultaten.
- Ein grosser Teil der Wissensinhalte ist nicht in einer Form gespeichert, die eine
Wiederverwendung ermöglicht und unterstützt.
- Unstrukturierte Daten sind nicht oder nicht zielführend beschrieben (Meta-Daten). Der Ansatz
eine unternehmensweite Nomenklatur ("Taxonomy") vorzugeben, ist meist gescheitert.
- Der Betrieb und die Wartung vieler der Systeme, die im weitesten Sinne unstrukturierte Daten
verwalten und bereitstellen, ist aufwändig und erzeugt hohe Kosten.
Hilfe bei der Lösung dieser Probleme kommt aus zwei Richtungen: Open Source und Web 2.0.
Der Beitrag von Open Source zu Knowledge Management
Open-Source-Projekte sind nicht nur ein lebendes Beispiel, wie Wissen in virtuellen Teams verteilt
und genutzt werden kann, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Im Open-Source-Fundus finden
sich auch viele Technologien, die im Kontext von Knowledge-Management sinnvoll eingesetzt
werden können und die den Aufbau von Plattformen günstiger und vor allem flexibler ermöglichen.
- Enterprise-Content-Management und Document-Management-Lösungen wie Alfresco, Plone,
Silva, Drupal oder KnowledgeTree laufen traditionellen kommerziellen Angeboten zunehmend
den Rang ab.
- Die Suchtechnologie Lucene wird nicht nur von vielen Open-Source-Projekten eingesetzt
sondern findet ihren Weg zunehmend auch in viele kommerzielle Produkte. Neben der Reife des
Produktes sticht seine Anpassbarkeit ins Auge.
- Im E-Learning-Bereich gibt es eine Reihe von interessanten Lösungen wie Moodle, Sakai oder
OLAT (aus der Schweiz).
- Spezialisierte Technologien wie Jena, Protege, Sesame oder Xindice können die Basis oder
Module für Knowledge-Management-Plattformen bilden.
- Innovative Lösungsansätze aus Web 2.0 werden oft auf Basis von Open Source entwickelt.
Beispiele dafür sind Wikis (z.B. MediaWiki, Twiki) oder Blog-Software (z.B. Roller, Wordpress).
Der Beitrag von Web 2.0 zu Knowledge-Management
Die Verbreitung von Web-2.0-Anwendungen verändert die Art, wie wir das Internet benutzen und
was wir von Internet-Sites erwarten. Viele der Charakteristiken, die Web 2.0 ausmachen, sind direkt
auf Knowledge-Management-Lösungen anwendbar. Beispiele dafür sind unter anderem:
- Im Gegensatz zum Einsatz von formalen Klassifikationen wird dem Benutzer mit "Tagging" die
Möglichkeit gegeben, Inhalte oder Links/Destinationen frei zu benennen. Durch das
Zusammenführen dieser "Tags" von vielen Benutzern entsteht eine neue Begriffsbildung. Man
spricht dann auch von "Folksonomies" im Gegensatz zu "Taxonomies".
- Bei "Collaborative Filtering" wird aufgrund statistischer Erkenntnisse determiniert, ob
spezifische Inhalte für einen Nutzer interessant sind oder nicht. Die Informationsflut kann auf
diese Weise wirksam eingedämmt werden, weitgehend ohne relevante Information dabei zu
verlieren.
- "Social Networking" ist im Internet sehr populär, Seiten wie Xing, LinkedIn oder MySpace bauen
darauf auf, dass Nutzer sich im Netz zu "virtuellen" Netzwerken organisieren.
- Gemäss der ursprünglichen Idee des World Wide Web waren die meisten Websites lange darauf
ausgerichtet, Inhalte ausschliesslich zu publizieren. Die Ratings und Rezitationen, die zum
Beispiel bei Amazon von Lesern erstellt werden, die tausenden von Foren und
Diskussionsgruppen im Web, aber auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia zeigen die
Möglichkeiten und den Einfluss, den von Benutzern generierte Inhalte haben können. Im
Knowledge-Management sind es diese Inhalte, die den Unterschied machen. Ihre Erstellung
kann durch den Einsatz von einfach zu nutzender Software wie Wikis oder Blogs gefördert
werden.
- Einfache Schnittstellen von Anwendung zu Anwendung, aber auch von der Anwendung zum
Benutzer sind ein Markenzeichen von Web 2.0. Herausragend ist hierbei insbesondere RSS
(Really Simple Syndication), ein Ansatz wie Inhalte sozusagen abonniert werden können. Aber
auch andere Schnittstellen-Protokolle wie Web Services mit SOAP oder REST sind der Schlüssel
für die einfache Integration von externen Dienstleistungen und Programmen.
- Im Web 2.0 geht es weniger um Software, als vielmehr um "Services" (programmbasierte
Dienstleistungen), die einfach konsumiert und zusammengestellt werden können (man spricht
hier von sogenannten "Mash-Ups"). Beispiele hierzu sind der Einsatz von Google Maps oder
Google Earth für die Darstellung von Informationen im Kontext von Landkarten oder die Nutzung
von YouTube zur Speicherung und Wiedergabe von Video-Dateien.
Dies sind nur einige Beispiele, welche Open-Source-Technologien und Web-2.0-Philosophien und -
Lösungen auch für Knowledge-Management-Anwendungen relevant oder sogar ausschlaggebend
sein können. Und das Beste dabei ist, dass sie allesamt günstig einsetzbar, flexibel anpassbar und
ohne grossen Initialaufwand einsetzbar sind.
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11/2007, Bruno von Rotz

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