Barrierefreies Webdesign - Teil 1: Grundlagen

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Dieser Artikel zum Thema Webaccessability für Behinderte beleuchtet im ersten Teil die Grundlagen der Problematik in der heutigen Informationsgesellschaft mit der Behinderte tag-täglich konfrontiert sind. Im zweiten Teil werden die Regeln und Kriterien der Barrierefreiheit im Web, deren Umsetzung für Webseitenersteller und Betreiber sowie mögliche Testverfahren vorgestellt. Der dritte Teil beleuchtet dann, welche Aspekte für den Sektor WCMS wie Systemschwachstellen, Potentiale und unterstützende Tools und Optionen es gibt und wie die Zukunftsaussichten in diesem Markt sich entwickeln könnten.

Die Historie

Die Methode sehbehinderter und blinder Menschen, zu "sehen", ist kompliziert und erfordert "Fingerspitzengefühl". Seit der in 1824 von dem Franzosen Louis Braille entwickelten Punktschrift, sind Bücher nun auch für diese Menschen lesbar. Dafür streifen diese flink mit den Fingern über die erhöhten Punkte der so genannten Brailleschrift, die in 160-Gramm-Karton gestanzt sind und verhelfen so Sehbehinderten geschriebene Informationen lesen zu können. Bücher in Blindenschrift sind dick, groß und typische Leihartikel.

Die Bibel in Punktschrift zum Beispiel füllt 42 Bände, denn Braillezeilen sind einen halben Zentimeter groß. Nur gut 20% der 150.000 Blinden in Deutschland beherrschen die komplizierte Lesemethodik nach Braille. Für Personen die erst im Alter erblinden ist es meist sehr schwer noch die Blindenschrift zu erlernen. Es werden nur zwei bis drei Prozent aller ca. 70.000 Publikationen pro Jahr überhaupt in Punktschrift oder als Audiobücher angeboten.

Dank des Computerzeitalters konnte der immens teure und komplizierte Erstellungsprozess für Bücher und Texte in Brailleschrift vereinfacht werden. Die meisten Originaltexte können heute bei der Brailletexterstellung eingescannt werden, bevor die Drucker an die Arbeit gehen. Doch bei Grafiken, Tabellen oder Audiosignalen für blinde Nutzer hilft die moderne Technik nicht. Sie müssen in Textform übersetzt und per Hand eingegeben werden. So entsteht in einem kostenintensiven Prozess ein mit den Fingern tastbares Reliefbild. Bis vor einigen Jahren galt für diese Personengruppe sprichwörtlich das Braille-Papier die Brücke zur Welt...

Das Computer- und Internetzeitalter

Durch das Internet und die Weiterentwicklung der Computer gibt es seit einigen Jahren eine weitere Informationsquelle die sich in diesem Umfeld immer größerer Beliebtheit erfreut. Hier können immer mehr Behinderte unter zur Hilfenahme diverser Tools die gleichen Informationsquellen wie Ihre nichtbehinderten Mitbürger nutzen.

Ganz kurz und pragmatisch geht das so: Website aufrufen, den Text über eine spezielle Software laufen lassen und mittels Sprachausgabe hören oder per Computer-Braillezeile ertasten. Zum Beispiel gibt es neuerdings Tageszeitungen (Frankfurter Rundschau) und Magazine (Der Spiegel) als akustische "elektronische Zeitung".

Die neue Gesetzgebung

Im Juni 1996 wurde der Artikel 3 des Grundgesetzes geändert: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." - Wahrgenommen wurde diese Gesetzesänderung aber bis heute leider außer von dem Gesetzgeber überwiegend nur von der Gruppe der Behinderten selbst. Betroffen sind überwiegend Blinde und sehbehinderte Menschen. Es gibt jedoch eine ganze Reihe anderer Behinderungen wie körperliche Einschränkungen der Motorik, Arme und Hände, die weitere und anders geartete Barrieren im Internet aufwerfen. Die meisten dieser Barrieren gelten aber auch für blinde und sehbehinderte Menschen. Allerdings gibt es natürlich auch taube Surfer für die die im folgenden beschriebenen Audio-Hilfen unbrauchbar ist.

Die Visualität der neuen Medien

Ein großes Problem in der heutigen Zeit ist die Vielfalt der neuen Medien die immer mehr auf Bilder und visuelle Effekte setzt. Sehbehinderte und Blinde werden wieder mehr und mehr von der Nutzung aktueller Systeme ausgegrenzt, weil die bisherigen Hilfsmittel an diesen Benutzerschnittstellen nicht unbedingt einsetzbar sind. Doch auch hier gibt es gute und schlechte Web-Seiten. Nicht alle `sehenden´ Webseitenersteller handeln nach nur wenigen einfach zu befolgenden Regeln, die es dann auch blinden Menschen ermöglicht am heutigen Informationszeitalter teilzuhaben:

Die Design-Kriterien

Beiträge/Seiten sollten möglichst von Anfang an so entworfen werden, daß sie bei unterschiedlichen Browser-Einstellungen funktional gleiche Ergebnisse liefern und die im folgenden beschriebenen Regeln der WAI-Konformität berücksichtigen. Denn jeder weiß, daß nichts soviel Zeit und Geld kostet wie nachträgliche Änderungen, Wartung und Aktualisierung an Beiträgen.

Bei der vorwiegend visuellen Darstellung im World Wide Web sind im Wesentlichen hier zu vier Fälle zu unterscheiden:

  1. Inhalt rein textorientiert - kein Handlungsbedarf
  2. Inhalt mit wenigen Bildern - spezielle Auszeichnung lokal nötig
  3. Einzelne Seiten im Beitrag voll graphisch aufgebaut - Anfertigung einer Alternativseite für Sehbehinderte
  4. Gesamter Beitrag ist völlig graphisch aufgebaut - Beitrag zweimal vorzuhalten, einmal nur als Textversion
Bei den Konfigurationen drei und vier ist der Aufwand für Änderungen von Natur aus größer als in der Konfiguration zwei. Hier können sicherlich WCMS Erleichterung und Abhilfe schaffen.

Wie muß das Internet gestaltet sein, damit es auch von Sehbehinderten und Blinden genutzt werden kann.

Die Hilfsmittel

Um überhaupt mit dem Computer arbeiten zu können, benötigen Blinde und ein Teil der Sehbehinderten eine zusätzliche Software, die die Signale an den Bildschirm abfängt und neu interpretiert. Diese Spezialsoftware wird als "Screen-Reader" bezeichnet. Weiterhin verwenden einige eine Braille-Zeile, eine erweiterte Tastatur, die unterhalb der "normalen" Tasten einen Ausgabebereich für Zeichen in Blindenschrift enthält. Die Übersetzung des Bildschirminhalts für blinde Computerbenutzer durch den Screen-Reader erfolgt entweder in Blindenschrift über die Braille-Zeile oder in synthetischer Sprache, beispielsweise über eine Soundkarte. Die Eingabe in den Computer ist hingegen unproblematisch und geschieht über die Tastatur.

Die Problematik

Trotz der Ausgabemöglichkeiten mit Braille-Zeile oder Sprachausgabe, stoßen die hier behandelten Gruppen immer wieder auf Barrieren im Internet, die den Zugang zu Informationen erschweren. Unter den gegebenen Voraussetzungen können Blinde und Sehbehinderte im WWW mit gewissen Einschränkungen surfen. Denn die Inhalte von Bildern und Grafiken bleiben Ihnen nach wie vor "verborgen". Ein anderes Problem ist, dass jemand, der nicht sehen kann, auch keine Maus bedienen kann. Als Browser benutzen viele Blinde Lynx, der vorteilhafte Eigenschaften bzgl. Navigation und zur Sprachausgabe bietet. Lynx ist zwar keine Spezialsoftware für Sehgeschädigte, es hat sich aber herausgestellt, dass dieser ursprünglich für wissenschaftliche Gebiete entwickelte Browser, den Bedürfnissen von Blinden am meisten entgegenkommt. Seine Ergebnisse sind rein textorientiert und deshalb unproblematischer für Hilfstools zu interpretieren. Es werden aber auch immer häufiger Standard-Browser wie der MSIE oder Netscape eingesetzt.

Die WAI - Unterstützung im Web

Die WAI, die Web Accessibility Initiative des W3C hat Standards zur barrierefreien Webgestaltung erarbeitet. Diese finden Sie hier. Der gesamte Anforderungskatalog der Web Accessibility Initiative (WAI), die sich als Organ des obersten WWW-Gremiums (W3C), mit der Zugänglichkeit zum Internet durch behinderte Menschen befasst, ist sehr umfassend. In dem Katalog werden die Spezifikationen in Muss-, Soll- und Kann-Anforderungen formuliert. Im Rahmen dieses Artikel wird überwiegend auf die Muss-Anforderungen eingegangen.

Wie gewährleiste ich Web Accessability für Behinderte?

Bei den Hilfsmitteln, die derzeit zur Verfügung stehen, ist naturgemäß zu unterscheiden, ob die betroffene Person blind, sehbehindert oder körperlich gehandicapped ist. Einige Hilfsmittel (zum Tasten) können fast ausschließlich von Blinden verwendet werden, andere (optische) nur von Sehbehinderten (bis zu einem gewissen Grad). Akustische Hilfsmittel dagegen sind von allen Personen nutzbar (soweit sie nicht zusätzlich hörbehindert sind), von Sehbehinderten wie Sehenden, und hilft sogar noch (sehenden) Analphabeten.

Die Hilfsmittelkategorien:

Taktil
Die so genannte Braille-Zeile ermöglicht es Blinden und Sehbehinderten Informationen, die über diese mechanisch mit Hilfe einer Spezialsoftware ausgegeben werden, zu ertasten. Für Rechner: kostet im Moment ca. 13.000 EUR. Das wird zwar von deutschen Versorgungsämtern als Rehabilitationsmaßnahme gezahlt, aber offensichtlich ist das in vielen anderen Staaten nicht üblich.

Akustisch
Screenreader setzen nicht Text in Sprache um, sie erzeugen synthetische Laute, die als Sprache interprtiert werden können. Bei Werkzeugen für die Spracheingabe ist die Installation für eine behinderte Person nicht ohne Hilfe Nicht-Behinderter, durchzuführen. Im Juni 1997 hat das World Wide Web Consortium (W 3 C) angekündigt, einen 'working draft' zu einem Vorschlag für A C C S (Audio Cascading Style Sheets) zu erarbeiten. Diese Style Sheets sollen speziell auf die Notwendigkeiten beim Einsatz von audio basierten WWW - Werkzeugen eingehen. Hiermit werden erste Bemühungen angestoßen die Alternativen zu der heute gängigen rein visuell basierenden Darstellungsweise im Web schaffen sollen.

Optisch
Als technische Hilfen werden auch elektronische Linsen angeboten, die Schrift extrem vergrößern können. Da diese aber, nur für einen kleinen Personenkreis in konkreten Anwendungsfällen hilfreich sind, werden sie hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

05/2002, Holger Abel, Ingo Voigt

Ingo Voigt und Holger Abel sind Consultants bei Bertelsmann mediaSystems im Content Management Competence Center in Gütersloh.


Kommentare zu diesem Beitrag 


Barrierefreies Webdesign - Teil 1: Grund...  
Fachartikel 28.05.02
Re: Barrierefreies Webdesign - Teil 1:...  
Jan Eric Hellbusch 25.07.02
Re: Barrierefreies Webdesign - Teil ...  
Ingo Voigt 25.07.02
Re: Barrierefreies Webdesign - Teil 1:...  
Ralf Witte 26.07.02
Re: Barrierefreies Webdesign - Teil ...  
Robin Müller 07.08.02
Re: Barrierefreies Webdesign - Teil 1:...  
Peter Rozek 18.06.06

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