Schreiben fürs Hören

 |  | http://www.contentmanager.de/magazin/artikel_1715_audio_texte_schreiben.html |

Websites, die ungefragt die Besucher über eine Audio-Botschaft begrüßen sind
glücklicherweise fast ausgestorben. Mit wenigen Ausnahmen sollten Sie Sound nur auf
direkte Anforderung des Benutzers starten.
Über die Hälfte der deutschen Webnutzer gehen über einen Breitband-Anschluss online. Somit
ist Audio von der Leitungskapazität her kein Problem. Im Folgenden einige Tipps, wie Sie
auch die inhaltlichen Hürden bei Audio im Web meistern.
Ob Sie einen Podcast planen oder Audio, das auf Ihrer Website als Flash direkt abrufbar
sein soll – wenn Sie Text schreiben, der vorgelesen wird, müssen Sie anders schreiben, denn gesprochener Text
Ist persönlicher
Kann nur schwer nebenbei genutzt werden
Lässt sich nicht überblicken
Lässt sich nicht überfliegen
Lässt sich schwer navigieren (Bewegung im Text)
Der Einstieg zählt
Sogar noch stärker als bei Web-Texten bestimmen die ersten Sätze, ob ein gesprochener Text
zu Ende gehört (bzw. gelesen) wird. Schreiben Sie diese dementsprechend spannend. Beginnen
Sie mit etwas, das den Hörer interessiert.
Informationsaufbereitung
Achten Sie auf die so genannte "Situierung" zu Beginn. Das heißt, fallen Sie nicht mit der
Tür ins Haus, sondern holen Sie den Hörer ab. Beliebt ist zum Beispiel der Einstieg mit
einer Situation, die jeder kennt. Wählen Sie lieber einen Einstieg, der wenig originell
ist, als keinen. Bei Hörtexten verzeiht man das Ihnen leichter. Erklären Sie dem Hörer, warum das Folgende für ihn relevant ist.
Beispiel: Statt "Die neue Zeitmanagement-Lösung XY EasyPlan ermöglicht es,
alle Mails übersichtlich zu verwalten und abzuarbeiten…", könnten Sie schreiben "Sie kennen das: Morgens kommt man ins Büro, voller Tatendrang. Doch
ein Blick auf den PC zeigt: 79 ungelesene E-Mails. XY EasyPlan hilft Ihnen…"
Bringen Sie nur eine neue Information pro Satz. Lassen Sie dem Hörer genug Zeit, diese
Information zu verarbeiten und springen Sie nicht gleich zum nächsten Thema, auch wenn es
auf dem Papier so aussieht, als müsste die Information schnell zu verarbeiten sein.
Verständlichkeit durch Redundanz
Zentrale Aussagen wiederholen Sie am besten. Strukturieren Sie längere Texte durch
Zusammenfassungen und stellen Sie wichtige Zusammenhänge eventuell auf unterschiedliche
Art und Weise dar. Das gibt dem Hörer die nötige Orientierung im Text.
Akustische Gliederung
Verraten Sie dem Hörer gleich am Anfang, welche Themen ihn erwarten und wie lange das
Audiostück sein wird.
Jedes Mal, wenn Sie ein Thema abgeschlossen haben, leiten Sie deutlich zum nächsten Thema
über und machen Sie klar, dass jetzt etwas Neues beginnt. Gut ist an dieser Stelle auch
eine Zusammenfassung des bisher Erzählten oder eine Wiederholung der wichtigsten ein, zwei
Punkte.
Wortwahl – einfach (ist) besser
Gesprochener Text ist Umgangssprache. Je gebräuchlicher und einfach die Wörter sind, die
Sie gebrauchen, desto leichter verständlich wird der Text. Anders als Viele glauben, sind nicht die hoch trabenden, komplizierten Wörter die
kraftvollen, sondern die kurzen, einfachen Wörter. Mit kurzen Wörtern und Sätzen setzen
Sie Fakten. Sie vermitteln Glaubwürdigkeit. Mit langen, gewundenen Sätzen, die viele
Fremdwörter und komplizierte, lange Wörter enthalten bewirken Sie, dass der Leser bzw.
Hörer sich stark konzentrieren muss, um zu verstehen, was Sie meinen, was letztlich zu
einer Schwächung der Aussage führt und im schlimmsten Fall dazu, dass Sie nicht verstanden
werden. Genau wie beim vorigen Satz, den Sie gerade gelesen haben (47 Wörter!). Und bei
gesprochenen Sätzen fällt das noch viel mehr auf.
Bei gesprochener Sprache müssen Sie auch keine Angst vor unperfekten Sätzen haben.
Schreiben Sie so, wie Sie sprechen. Und dabei ist es ganz normal, wenn einmal die
Grammatik nicht ganz stimmt. Das wirkt authentisch und ungekünstelt. Was natürlich nicht
heißt, dass Sie mit Absicht oder aus Ungenauigkeit grammatikalisch falsche Sätze
produzieren sollen – setzen Sie "fehlerhafte" Umgangssprache nur als Stilmittel und mit
Bedacht ein.
Wortwahl – Wiederholungen erwünscht
Wichtige Begriffe sollten Sie nicht variieren, sondern wiederholen. Es gilt: lieber
verständlich als schön. Geht es um Japan, sprechen Sie wo immer nötig von Japan, nicht
"vom Land der aufgehenden Sonne", nicht vom "Land des Lächelns" und auch nicht von
"Nippon". Der Hörer muss solche Begriffe erst gedanklich decodieren und wird von den
eigentlichen Inhalten abgelenkt.
Das Verb nach vorn
Achten Sie bei Sprechertext darauf, das Verb möglichst weit vorn im Satz zu bringen. Sonst
muss der Hörer den ganzen Satz im Kurzzeitgedächtnis speichern, bis er den zentralen
Begriff erfährt, mit dem er den Satz erst richtig verstehen kann. Aus demselben Grund verzichten Sie am besten auch auf zusammengesetzte Verben (etwas
aufgeben, sich unterstellen etwas aufessen etc.).
Formulieren fürs Hören
Blähwörter steuern keine Information bei, sondern verbreiten Unsicherheit, da sie klare
Aussagen abschwächen. Haben Sie keine Angst vor klaren Aussagen und glauben Sie nicht,
dass solche Füllwörter für einen guten Sprachfluss nötig wären. Beliebte Füllwörter sind
z.B: in etwa, irgendwie, ja, eigentlich, (nicht) wirklich.
Ausnahme sind für Hörtexte – und nur für diese! – so genannte Gelenkwörter. Diese schaffen
Verbindungen zwischen zwei Sätzen, indem sie den Gedankengang bzw. Folgerungen anzeigen.
Beispiel (achten Sie auf das "also"): Das Projekt ist weit hinter dem Zeitplan. Also heißt es, anpacken.
Bei geschriebenem Text wirkt das oft unschön, bei gesprochenem Text erleichtern solche
Gelenkwörter das Verständnis.
Kurze Sätze und Wörter schreiben
Die oft zitierte Journalisten-Regel von den maximal 13 Wörtern pro Satz, gilt für Hörtexte
nicht – hier sollten es eher 6 bis 8 sein. Auch sollten Wörter möglichst wenige Silben
haben, um leichter verständlich zu sein.
Verwenden Sie Hauptsätze und weniger Nebensätze, aber achten Sie darauf, nicht in
Stakkato-Stil zu verfallen. Die richtige Abwechslung zwischen kurzen und längeren Sätzen
sorgt für angenehme Texte. Schachtelsätze sind noch strenger verboten als in geschriebenen Texten.
Literaturtipps
Walther von LaRoche, Axel Buchholz: Radio-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und
Praxis im Hörfunk. List; 8., vollst. neu bearb. Aufl. (2004), 23,50 Euro
Aus der gleichen Reihe: Michael Rossié: Frei sprechen. List, 2. Aufl. (2006), 23 EuroErschienen: 12/2007
Autor: Jens Jacobsen


|  | Jens Jacobsen ist Geschäftsführer der Content Crew GmbH. Als Berater unterstützt er Unternehmen bei der Planung und Konzeption von Inhalten aller Art. Seine Schwerpunkte sind Podcast-Produktion, Websites und Usability. Er ist Autor zahlreicher Bücher.
benutzerfreun.de
|