Wie lesen wir online?

Autor: Jens Jacobsen
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Letzter Beitrag: 08/2010
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Dass wir Text im Web nicht lesen wie einen Roman, das hat sich mittlerweile herumgesprochen. Doch wie genau lesen wir online? Und vor allem, was bedeutet das für die Konzeption einer Website?

Webtexte sollen kurz, gut gegliedert und mit Überschriften, Absätzen und Aufzählungen strukturiert sein. Doch gehen wir mal einen Schritt zurück und sehen uns an, wie der Text als Ganzes auf der Seite von den Benutzern wahrgenommen wird:


Blickverlauf

Aus Untersuchungen mit Blickverfolgung ("Eyetracking") wissen wir, dass die meisten Websites in Form eines "F" betrachtet werden (siehe z. B. diesen Blogpost von Nielsen). Das heißt, wir beginnen links oben mit dem Überfliegen der Seite, direkt unter Logo und horizontaler Menüleiste. Von dort aus sehen wir nach rechts, springen mit dem Auge ein Stück nach unten und blicken dort auch nochmal ein kleines Stück nach rechts. Schließlich lassen wir den Blick noch nach unten zum Ende der Seite schweifen. So ergibt sich bei der Aufzeichnung unseres Blickverlaufs die Form des Buchstabens F.

Natürlich ist das eine grobe Vereinfachung und es kommt stark darauf an, wie genau die jeweilige Seite gestaltet ist und welche Inhalte hier stehen. Aber generell sollte man das F-Muster kennen, und damit die Erwartungen der Benutzer.


Text auf der Seite

Text bekommt noch immer die meiste Aufmerksamkeit, nicht etwa die Bilder. Das heißt, die Benutzer sehen als erstes den Text auf einer Website an, danach erst die Abbildungen. Dazu gibt es etliche Belege:

Nielsen, der Studien von 1994 und 1997 anführt und der die Studie des Poynter Institute von 2000 zitiert. Das Poynter Institute hat 2004 eine Folgestudie durchgeführt, die zu den gleichen Ergebnissen kam.

Je kürzer die Absätze eines Textes, desto eher wird er gelesen – auch das ein Ergebnis der zitierten Studie von 2004. Eine weitere Erkenntnis: Nutzer scrollen die Seiten durchaus, das heißt, es wird nicht nur das gelesen, was zu sehen ist, ohne die Seite nach unten zu scrollen. Allerdings müssen Dinge, die weiter unten stehen, einen starken Reiz auf den Benutzer ausüben, damit er anhält und liest. In den meisten Fällen ist das eine Überschrift, die den Nutzer inhaltlich anspricht.

Bei den Überschriften ist es wichtig, dass eines der ersten Wörter bereits ein Schlüsselwort ist – längere Überschriften werden nämlich nur selten ganz gelesen, beim Überfliegen der Seite liest man nicht einmal die Überschriften vollständig.

Fließtext in großer Schriftgröße erleichtert das Überfliegen – und er unterstützt es sogar. Das heißt, wenn Sie wollen, dass Ihr Text tatsächlich möglichst aufmerksam gelesen wird, dann achten Sie darauf, ihn nicht zu groß zu machen – ein überraschendes Ergebnis.

Behalten Sie auch immer im Hinterkopf, dass im Schnitt nur 18 Prozent des Textes auf einer Seite gelesen wird (siehe Nielsens Untersuchung von 2008).


Die Rolle von Bildern

Je größer die Bilder auf der Seite, desto länger sehen wir sie an. Das zeigte die Studie von 2004 des Poynter Institute. Daran hat sich übrigens seit 1993, als das an Zeitungen untersucht wurde, nicht viel geändert.

Die nächste Studie 2007 zeigte außerdem, dass die Aufteilung einer langen Seite in kleine, unabhängige Inhaltsblöcke den Nutzern hilft, die Inhalte zu erfassen und diese auch zu behalten. Kurze Textblöcke empfinden wir also nicht nur interessanter, sondern sie helfen uns auch, die Inhalte leichter zu erfassen.

Wer nun einfach ein paar Bilder auf seine Seiten klebt, der kommt damit aber auch nicht weiter. Denn Nielsen konnte auch zeigen, dass Standardbilder von Bildagenturen, die wenig mit dem Inhalt der Seite zu tun haben oder Bilder, die zu stark nach Werbung aussehen, zu einem schlechten Eindruck bei den Nutzern führen.

Sinnvoll sind dagegen Bilder, die
  • farbig, scharf und kontrastreich sind
  • zum Seiteninhalt passen
  • einen klaren Aufbau haben
  • Gesichter von natürlich wirkenden Menschen zeigen (keine Fotomodelle)
  • körperliche Merkmale der Menschen zeigen (vor allem bei männlichen Nutzern)
  • Dinge zeigen, die der Nutzer vielleicht kaufen will
Auf Nielsens Website gibt es das Kapitel über Bilder aus seinem neuen Buch "Eyetracking Web Usability" als kostenloses PDF. Dieses Kapitel kann ich nur jedem empfehlen, der am Erstellen von Websites beteiligt ist. Nielsen schimpft oft über Bilder und nutzt auf seiner eigenen Seite so gut wie keine. Seine Erkenntnisse in dem Buch sind sehr differenziert und hervorragend zur direkten Umsetzung in die Praxis geeignet.


Die Internet-Ausdrucker werden weniger

Lesen am Bildschirm ist anstrengender als Lesen auf Papier. Selbst moderne Flachbildschirme haben eine geringere Auflösung als Druckerzeugnisse und das leuchtende Bild empfinden Viele als langfristig ermüdend. E-Book-Reader haben diese Probleme zwar nicht, aber der Seitenaufbau ist bei ihnen langsam. Sie mit Inhalt zu befüllen ist ein gewisser Aufwand und sie sind noch nicht besonders weit verbreitet.

Daher war es jahrelang üblich, längere Texte auszudrucken, wenn man sie lesen wollte. Doch das ändert sich langsam. Umfragen zeigen, dass der Großteil der Internetnutzer immer seltener Texte ausdruckt, und sie statt dessen am Bildschirm liest.

Dazu auch noch ein Linktipp zum lesenswerten Blogpost von Mark Majurey: Is our reading behaviour changing?


Fazit

Es wird immer wichtiger, auch längere Texte so aufzubereiten, dass sie optimal am Bildschirm gelesen werden können – und zwar nicht nur am PC, sondern auch auf mobilen Geräten wie Netbooks, Smartphones, dem iPhone oder dem am März erhältlichen iPad.

03/2010, Jens Jacobsen





Jens Jacobsen ist Geschäftsführer der Content Crew GmbH. Als Berater unterstützt er Unternehmen bei der Planung und Konzeption von Inhalten aller Art. Seine Schwerpunkte sind Podcast-Produktion, Websites und Usability. Er ist Autor zahlreicher Bücher.
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