Online-Fokusgruppen als innovative Methode der Usability-Forschung

Autor: Prof. Dr. Miriam Yom & Thorsten Wilhelm
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Letzter Beitrag: 09/2007
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Die Usability-Forschung stellt ein ganzes Arsenal an Erhebungsmethoden zur Verfügung, um die Usability von interaktiven Anwendungen bei der Entwicklung zu testen. Fokusgruppen bzw. Gruppendiskussionen sind eine geeignete Methode, um insbesondere in der Konzeptionsphase die Bedürfnisse und Erwartungen der Zielgruppe systematisch zu erheben. Welche Mehrwerte muss das Angebot haben und welche Funktionselemente sind "nice to have"? Antworten auf diese Frage können Fokusgruppen geben. Daneben kann auch die Beurteilung von Dummy-Versionen und frühen Prototypen eines Webangebots mittels Fokusgruppen erfolgen. Neben einer kurzen Einführung, was Fokusgruppen als Erhebungsmethode auszeichnen, möchten wir Ihnen eine innovative Datenerhebungsmethode für Web Usability-Tests vorstellen: die Online-Fokusgruppen. Neben Kosten- und Zeitersparnisse sprechen eine Reihe von Vorteilen für diese Methode.

Fokusgruppen beim Usability-Test

Fokusgruppen bzw. Gruppendiskussionen sind eine geeignete Methode, um insbesondere in der Konzeptionsphase die Bedürfnisse und Erwartungen der Zielgruppe systematisch zu erheben. Welche Mehrwerte muss das Angebot haben und welche Funktionselemente sind "nice to have"? Antworten auf diese Frage können Fokusgruppen geben. Daneben kann auch die Beurteilung von Dummy-Versionen und frühen Prototypen eines Webangebots mittels Fokusgruppen erfolgen. Es handelt sich bei dieser Methode um eine spezifische Befragungsmethode, bei der nicht mehrere Personen im Sinne eines Frage-Antwort-Dialogs befragt werden, sondern der Austausch von Meinungen, Einstellungen und Argumenten im Rahmen einer Diskussion steht im Erkenntnisinteresse. Ein zentraler Vorteil von Fokusgruppen ist, dass in der Dynamik einer Diskussion durch wechselseitige Stimulation das Wesentliche zur Sprache kommt. Im Gruppendialog regen sich die Teilnehmer nicht nur gegenseitig zu offenen und freimütigen Beiträgen an (Enthüllungsatmosphäre), es werden auch spontane Reaktionen durch die Redebeiträge der anderen Gruppenmitglieder provoziert (vgl. LAMNEK 1998). Fokusgruppen sind eine Erhebungsmethode, die es erlaubt, auf ökonomische Weise eine grosse Bandbreite an Meinungen und Einstellungen zu erheben. So können Fokusgruppen bezüglich der Menge an Äußerungen und Ideen "ergiebiger" sein als Einzelinterviews (vgl. FERN 1983). Auf Grund ihrer methodischen Flexibilität, vielfältigen Einsetzbarkeit und Ökonomie, sind Fokusgruppen im Labor eine der wichtigsten qualitativen Methoden im Bereich der kommerziellen Marktforschung und gewinnen heute stärkere Bedeutung im Rahmen des Usability-Testings.

Online-Fokusgruppen (im weiteren OFGs) sind in diesem Zusammenhang ein innovatives Instrument nicht nur zur kostengünstigen und schnellen Beurteilung von bestehenden Prototypen, sondern auch zur Erhebung von Erwartungen und Bedürfnissen der Zielgruppe. Bei OFGs treffen sich die Teilnehmer und der Moderator in einem virtuellen Diskussionsraum. Über den heimischen PC wählen sich die Teilnehmer per Internetverbindung und normalen Browser in einen Chatraum ein, der in der Regel an die speziellen Bedürfnisse der Marktforschung technisch angepasst wurde.

Abb.1: Software OFG-eValuation zur Durchführung von Online-Fokusgruppen Ansicht des Moderators, zur Vergrößerung bitte klicken

Vorteile der Online-Fokusgruppen

Die Vorteile der OFGs im Vergleich zu ihrem Face-to-Face-Pendant (im weiteren FtF) sind insbesondere darin zu sehen, dass sie zeit- und kostenökonomischer, flexibler und falls notwendig über nationale Grenzen hinweg durchzuführen sind. Reise-, Bewirtungs- und Raumkosten entfallen. Die Teilnehmer verbleiben in ihrer gewohnten Umgebung und fühlen sich deshalb freier, ihre Meinung kundzutun, so dass auch sensible Themen gut diskutiert werden können (vgl. PRICKARZ & URBAHN 2002).

Des Weiteren können Teilnehmer mit einem seltenen Persönlichkeits- oder Kaufprofil, die in den verschiedensten Regionen wohnen, kostengünstig zu einer Online-Diskussionsrunde zusammengeführt werden. Auch ansonsten sehr schwierig zu akquirierende Zielgruppen aus dem B-to-B-Bereich sind besser für Online-Diskussionen zu gewinnen sind (vgl. PALMQUIST & STUEVE 1996). Für die Beurteilung von Anwendungen mit B-to-B Zielgruppen sind OFGs deshalb besonders gut geeignet. Hier lassen sich für Site-Betreiber deutliche Kosteneinsparungspotentiale realisieren.

Darüber hinaus kann die Beurteilung eines Webangebots ohne Medienbruch durchgeführt werden (vgl. SWEET 2001 S.134). Die Entwicklung von Web-Prototypen ist häufig hohen zeitlichen Restriktionen unterworfen, die sich in einem kurzen, zur Verfügung stehenden Zeitraum für den Usability-Test niederschlagen. Diesem Umstand tragen OFGs Rechnung, da die automatisch generierten, vollständigen Protokolle die Auswertung des verbalen Materials erleichtern und beschleunigen. Diese nutzbaren Rationalisierungseffekte ermöglichen ökonomisch attraktive OFG-Studien in dichteren Zeitintervallen und/oder mit größeren Stichproben.

Ein weiterer Vorteil ist, dass die Gruppendynamik in der computervermittelten Kommunikationssituation je nach Fragestellung zuverlässiger beeinflusst werden kann als in Face-to-Face Gruppen. So kann durch ein gezieltes Bekanntgeben oder Zurückhalten von Informationen eine stärkere Orientierung der Teilnehmer an Gruppennormen bzw. an individuelle, persönliche Normen und Einstellungen induziert werden.

Technische Unterstützung der Online-Diskussion

Grundsätzlich problematisch ist es, dass in Online-Gruppendiskussionen gegenseitiges Verständnis schwerer herzustellen ist als in konventionellen Fokusgruppen. Dies kann jedoch durch kurze Kommunikationstrainings mit den Teilnehmern ausgeglichen werden. In einer Grundlagenstudie wurde untersucht, wie sich die Online-Erhebungssituation auf die Qualität der Daten bei der Beurteilung eines (prototypischen) Webangebots auswirkt. Es zeigte, dass bei dieser Fragestellung OFGs inhaltlich vergleichbare Ergebnisse liefern wie Diskussionen im Labor (vgl. YOM & HOLZMÜLLER 2002). Wichtig ist auch, dass die Online-Diskussion technisch unterstützt wird. Die Verwendung von speziell auf die Marktforschungsbedürfnisse angepasste Software-Tools, die dem aktuellen Forschungsstand zur computervermittelten Kommunikation entsprechen, sind für die Qualitätssicherung sehr wichtig. Über bestimmte technische Features wie z.B. Adressierfunktion kann das gegenseitige Verständnis erhöht werden und somit die Verständlichkeit der Protokolle gewährleistet werden. Auch sind die Anforderungen an die Moderatoren von Online-Fokusgruppen sind sehr hoch, da sie verhindern müssen, dass die Online-Diskussion im konversationalen Chaos endet. Bei entsprechend kompetenter Umsetzung sind sie jedoch durchaus eine attraktive Alternative bzw. Ergänzung zu den aufwändigeren Fokusgruppen im Labor.

Literatur

FERN, E.F. (1983). Focus Groups: A Review of some Contradictory Evidence, Implications, and Suggestions for Future Research, in: Advances in Consumer Research, Vol.10, pp.121-126

LAMNEK, S. (1998): Gruppendiskussion: Theorie und Praxis. Weinheim: Psychologie Verlags Union

PRICKARZ, H. & URBAHN, J. (2002). Qualitative Datenerhebung mit Online-Fokusgruppen, in: Planung & Analyse, 28.Jg., Nr.1, S.63-70

PALMQUIST, J. & STUEVE, A. (1996). Stay Plugged into New Opportunities, in: Marketing Research, Vol.8, No.1, pp.13-15

YOM, M. & HOLZMÜLLER, H. (2002). Die Evaluation der Benutzerfreundlichkeit von Websites mittels Online-Fokusgruppen - Erste Ergebnisse eines Methodenvergleichs, in: Planung & Analyse, 29.Jg., Nr.5, S.66-71

04/2003, Prof. Dr. Miriam Yom & Thorsten Wilhelm





Prof. Dr. Miriam Yom ist wissenschaftliche Leiterin und Gründerin der eResult GmbH. Thorsten Wilhelm ist geschäftsführender Gesellschafter und Gründer der eResult GmbH. Beide sind Experten im Bereich Web-Usability.
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Online-Fokusgruppen als innovative Metho...  
Fachartikel 01.04.03
Re: Online-Fokusgruppen statt Benutzer...  
Jens J. Korff 19.09.05
Re: Online-Fokusgruppen statt Benutz...  
peter hauser 29.11.05

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