Die Einführung eines Geschäftsprozessmanagements wird in Form von Projekten durchgeführt, die anschließend in einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess münden. Eine zentrale Aufgabe im Geschäftsprozessmanagement besteht in der Modellierung der Geschäftsprozesse. Über die Modelle wird eine Verständigung über Prozesse und deren Standardisierung erzeugt. Modelle schaffen Transparenz über bestehende Prozesse und sind Basis für deren Analyse sowie eines Neuentwurfs bzw. der Optimierung. Gängige Vorgehensmodelle für ein Geschäftsprozessmanagement weisen im Kern daher eine Design- oder Modellierungsphase auf, häufig unterteilt in eine Ist- und eine Soll-Modellierung.
Für die Modellierung von Geschäftsprozessen werden unterschiedliche Modellierungssprachen und Modellierungswerkzeuge angeboten. In diesem Beitrag wird mit der Business Process Modeling Notation (BPMN) ein neuer Modellierungsstandard vorgestellt.
Die BPMN wurde ab 2000 von der Business Process Management Initiative (BPMI) entwickelt und erstmals 2004 veröffentlicht (Version 1.0). In der BPMI waren vornehmlich Softwareunternehmen engagiert. Basis der Entwicklung war die Analyse bestehender Modellierungssprachen [2]. Da die Fragmentierung durch diverse sehr unterschiedliche Modellierungssprachen als erhebliches Hindernis für die Adaption in der Praxis erkannt wurde, war eine Standardisierung durch BPMN bereits früh als Ziel formuliert worden. Ein weiteres Kernziel der Entwicklung war das Mapping auf die Business Process Execution Language for Web Services (BPEL4WS), womit lauffähige Prozessmodelle generiert werden sollen [1, 2].
Die BPMN weist verglichen mit bestehenden Modellierungssprachen zunächst konzeptionell kaum innovative Konstrukte oder Modellierungsansätze auf [3]. Ihre hohe Relevanz liegt in der Adressierung zweier wesentlicher und zunehmend gewichtiger werdenden Anforderungen an Modellierungssprachen.
An eine Modellierung von Geschäftsprozessen wird eine Reihe von Anforderungen gestellt, die durch Modellierungssprachen und deren Konstrukte erfüllt werden müssen. Viele der Anforderungen sind jedoch abhängig vom Ziel (der Perspektive) der Modellierung. Die Ziele können in eher organisations- oder eher technikgetriebene Ziele unterschieden werden.
Die BPMN adressiert zwei bedeutende zielunabhängige Anforderungen an Modellierungssprachen:
In der Praxis des Geschäftsprozessmanagements macht sich die bislang fehlende Standardisierung im Bereich der Modellierungssprachen nachhaltig negativ bemerkbar. Dieses Manko macht sich umso negativer bemerkbar, je weniger statisch Organisationskonstrukte sind und beispielsweise durch Merger oder häufige Neukonfigurationen von Organisationsnetzwerken eine zunehmende Agilität erlangen. In diesem Zusammenhang spielen Referenzmodelle auf der Basis einer standardisierten Modellierungssprache eine wichtige Rolle. Diese erste Anforderung wird durch die Übernahme der BPMN in einen Standard der OMG erfüllt.
An die fachkonzeptionelle Modellierung von Geschäftsprozessen wird zunehmend der Anspruch gestellt, die resultierenden Modelle für eine mehr oder weniger direkte Transformation in ausführbare Modelle vornehmen zu können. Dabei besteht der Wunsch, aus fachlichen Erfordernissen in den Fachabteilungen erzeugte Modelle ohne eine weitere Realisierungsphase – und damit ohne eine Schnittstelle zu IT-Abteilungen – in eine IT-unterstützte Ausführung zu überführen. Auch hier spielt letztlich die zunehmende Agilität im Business eine Rolle.
Die zweite Anforderung gewinnt besondere Bedeutung vor dem Hintergrund des Konzepts der Service-orientierten Architekturen (SOA) [4, 5]. Eine der wesentlichen Neuerungen bei dieser Form der Architekturen besteht in der Trennung der fachlichen Prozessbeschreibung von den Applikationen. Dadurch bietet eine SOA mehr Flexibilität und ein gesteigertes Potenzial für betriebliche, organisatorische Neuerungen und für Prozessinnovationen [6]. Die BPMN erfüllt diese Anforderung durch ein Mapping auf die Business Process Execution Language for Web Services (BPEL4WS), wodurch eine Transformation der fachkonzeptionellen Modelle in ausführbare Services möglich ist.
Konzeptionell interessant ist die explizite Modellierungsmöglichkeit aufeinander abgestimmter Prozesse ("Choreografie") durch Objekte des Nachrichtenaustauschs [7]. Auf diese Weise können beispielsweise Prozesse in Unternehmensnetzwerken oder zwischen Kunden und Lieferanten modelliert werden (s.u.).
Mit der Modellierungssprache BPMN werden grafische Prozessmodelle entwickelt [7]. Die folgende Darstellung bezieht sich auf die aktuelle Version 1.1 der BPMN. Die Darstellung im Bild 1 zeigt eine exemplarische Modellierung eines Auftragsabwicklungsprozesses, modelliert mit dem Oryx Editor.
Exemplarischer Auftragsabwicklungsprozess
Für die Modellierung stehen Objekte [2, 7] zur Verfügung, die in 4 Basiskonstrukte eingeteilt sind. Im Folgenden werden zentrale Modellierungsobjekte in einer Übersicht vorgestellt:
Mit den flow objects werden betriebswirtschaftliche Aktivitäten (activities) und Ereignisse (events) sowie Entscheidungsalternativen oder Prozessverzweigungen (gateways) modelliert.
Mit den connecting objects werden Abläufe und Beziehungen zwischen den flow objects modelliert. Dies können zeitlich-logische Abfolgen (sequence flow), Nachrichtenflüsse (message flow) oder unspezifische Verbindungen zwischen Modellierungsobjekten (association) sein.
Aufgabe der swimlanes ist es, die Zusammenfassungen der Aktivitäten und Prozesse in einer Einheit (pools) vorzunehmen sowie eine Zuordnung der Aktivitäten zu Teileinheiten (lanes) vorzunehmen. Als pools können dabei alle Einheiten angesehen werden, die einen abgeschlossenen Prozess beinhalten (Organisationen, technische Systeme usw.), lanes können z.B. einzelne Organisationseinheiten darstellen.
Mit artifacts werden zusätzlich Informationen modelliert, die im Rahmen eines Prozesses interessant sein können. Diese Objekte haben keinen Einfluss auf den Prozessablauf. Die data objects stellen benötigte oder erzeugte Daten einer Aktivität dar. Groups haben die Aufgabe, Objekte in einem Prozessdiagramm optisch zusammenzufassen. Mit den annotations können Informationen an andere Objekte modelliert werden. Herstellern von Modellierungswerkzeugen sowie Anwendern steht die Definition weiterer benötigter Modellierungsobjekt zur Darstellung von Artefakten ausdrücklich frei.
Die vollständigen Modellierungsobjekte können dem BPMN-Standard [8] entnommen werden.
Eine Besonderheit stellt die explizite Möglichkeit dar, Kollaborationsprozesse über die Anwendung von Nachrichtenflüssen zu modellieren. Dabei werden zwei Prozesse, die nicht zentral gesteuert werden aber dennoch in Abhängigkeit zueinander stehen, durch den Austausch von Nachrichten aufeinander bezogen [7]. Nachrichtenflüsse können nur zwischen Prozessen modelliert werden, die in verschiedenen pools angeordnet sind. Das Bild 2 zeigt beispielhaft eine Anwendung der Choreografie zweier Prozesse eines Unternehmens und seines Kunden in der Auftragsabwicklung.
Exemplarischer Kollaborationsprozess ("Choreografie")
Für die in Vorbereitung befindliche Version 2.0 der BPMN werden eine Reihe grundsätzlicher Weiterentwicklungen angestrebt [9]:
Die BPMN soll um multiperspektivische Sichten auf Geschäftsprozesse erweitert werden. Für Anwender mit mehreren und verschiedenen Modellierungszielen und damit unterschiedlichen Sichten auf die zu modellierenden Prozesse ist dies ein zentrales Anliegen.
Der einfachere Austausch von Modellen zwischen unterschiedlichen Modellierungstools soll über die Spezifikation eines Austauschformates unterstützt werden. Anwender erhalten damit eine höhere Flexibilität hinsichtlich der technischen Modellierungsunterstützung.
Mit der Version 2.0 soll eine Integration der BPMN mit dem Business Process Definition Metamodel (BPDM) – ebenfalls ein Standard der OMG – vorgenommen werden. Dies ist hauptsächlich für die Hersteller von Modellierungswerkzeugen interessant.
Eine im Jahr 2007 von der Business Process Management Group an der Queensland University in Brisbane (Australien) durchgeführte Untersuchung [10] zeigt bereits eine starke Nutzung der BPMN. Dabei zeigte sich, dass die BPMN für fachkonzeptionell orientierte (51%) und technisch orientierte (49%) Modellierungsaufgaben etwa gleich häufig genutzt werden.
Die Anwenderbefragung zeigte allerdings auch bestehende Schwachpunkte auf. Wunsch vieler Anwender ist die Aufnahme von Modellierungsobjekten für eine explizite Darstellung von Business Rules. Außerdem wird eine Erweiterung der Organisationsmodellierung über die semantisch nicht eindeutigen pools und lanes hinaus gewünscht.
Mit der Business Process Modeling Notation liegt erstmals ein internationaler Standard für die Modellierung von Geschäftsprozessen vor. In dieser Standardisierung – weniger in grundlegenden Innovationen – liegt der Wert der BPMN. In der aktuellen Version können noch Defizite hinsichtlich bestimmter Modellierungskonstrukte ausgemacht werden, die in künftigen Versionen ergänzt werden sollten. Im Konzept neuer Architekturkonzepte zeichnet sich eine Überlegenheit der BPMN gegenüber anderen Modellierungssprachen ab, da grundsätzlich ein Mapping auf die Konstrukte der Ausführungssprache BPEL bereits Bestandteil der Standardisierung ist.
Literatur
[1] Allweyer, T.: Geschäftsprozessmanagement: Strategie, Entwurf, Implementierung, Controlling. Herdecke: W3L, 2005.
[2] White, Stephan A.; Miers, Derek: BPMN: Modeling and Reference Guide Understanding and Using BPMN. Lighthouse: Future Strategies, 2008.
[3] Fettke, Peter: Business Process Modeling Notation. In: Wirtschaftsinformatik 50 (2008) 6, S. 504-507.
[4] Kruczynski, Klaus: Prozessmodellierung im Wettbewerb: EPK vs. BPMN. In: is report 12 (2008) 6, S. 30-35.
[5] Kruczynski, Klaus: Business Process Modelling in the context of SOA – An empiric study of the acceptance between EPC and BPMN. In: Proceedings of the 5th International Conference on Information Technology and Applications (ICITA 2008). Cairns, Queensland, AUSTRALIA, 23 - 26 June 2008.
[6] Nohr, Holger; Roos, Alexander W.; Lehmann, Peter: Business Process Management als Grundlage einer SOA. In: ERP Management 3 (2007) 4, S. 36-40.
[7] Allweyer, Thomas: BPMN – Business Process Modeling Notation: Einführung in den Standard für die Geschäftsprozessmodellierung. Norderstedt: BoD, 2008.
[8] OMG (ed.): Business Process Modeling Notation, V 1.1. Needham 2008, (www. bpmn.org, Abruf am 11.1.2009).
[9] OMG (ed.): Business Process Model and Notation (BPMN) 2.0 – Request For Proposal. Needham 2007, (www.bpmn.org, Abruf am 11.1.2009).
[10] Recker, Jan: BPMN Modeling – Who, Where, How and Why. In: BPTrends, May 2008.
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