CMS und Community-Plattformen


28.08.2006

2. CMS und Community-Plattformen

Bei Expressen wird das CMS "Polopoly" eingesetzt. Die Zufriedenheit mit dem System ist nach wie vor hoch. Gleichwohl galt es zu erkennen: Klassische CMS sind nicht für das vertikale Content Management konzipiert und optimiert – auch wenn dies aus Sicht der meisten CMS-Hersteller ungern eingestanden wird. Daher hat man sich für den User-generated-Content, also das horizontale Content Management, eine zusätzliche Software eingekauft: Die Community-Plattform XCAP des schwedischen Anbieters Josh .

Solche Community-Plattformen zeichnen sich regelmäßig dadurch aus, dass darin das Praxis-Know-how erfolgreicher Communities einfließt ("Originals"). Nicht anders bei Josh: Das gesamte Team war wesentlich beim Aufbau der in Skandinavien äußerst populären Seite www.marslives.se beteiligt.

Neben der nachweislichen Praxisbewährung von Community-Plattformen und technischen Detailaspekten gibt es aber auch allgemeine kritische Faktoren, die den Einsatz von CMS bei Communities erschweren.

Herkömmliche CMS können in der Regel nur von geschulten Mitarbeitern bedient werden. Zudem müssen CMS-Workflows die oft komplizierte Hierarchie des Unternehmens widerspiegeln: Wer hat welche Rolle? Wer gehört zu welcher Gruppe? Wer muss wessen Beiträge freischalten bzw. prüfen und redigieren? Wer hat welche Rechte?

Kurz: Wer darf was / was nicht?

Jeder CMS-Anbieter weiß: Allein das Aufsetzen von diesem Prozess kann bei nur zehn Redakteuren/Mitarbeitern ein typisches Content-Management-Projekt wochenlang im Kreis drehen lassen und zudem enorme Kosten aufwerfen. Nimmt man noch Aufwände für Schulung und Korrekturschleifen hinzu, fallen die Lizenzkosten in der Regel weit hinter die Implementierungskosten zurück.

Bei UGC ist ein derartiger Prozess nicht nur aus Kostengründen unvorstellbar:

Im Gegensatz zum vertikalen Content Management und seinen mitunter verschlungenen Wegen, muss das horizontale Content Management möglichst einfach, eingängig und, simpel sein. So einfach, dass eine Mehrzahl durchschnittlich technisch begabter User das System ohne Schulungen versteht.

Während das vertikale Content Management also in der Regel von einem mehrstufigen hierarchischen Kontrollworkflow geprägt ist, muss das horizontale Content Management davon soweit wie möglich befreit sein. Andererseits ist auch hier Kontrolle wichtig. Dazu später in Teil 3.

Jedenfalls ist ein Umdenken gefordert:

Herkömmliche CMS-Projekte funktionieren häufig gar nicht "ohne Druck von oben". Auf die eigenen User kann man dagegen keinen Druck ausüben. User werden auch nicht für ihre Arbeit am Portal bezahlt, sie machen diesen Job aus Spaß und/oder Überzeugung. Gibt man ihnen die Möglichkeit, diesen Gegenwert ohne große Reibungsverluste zu erhalten, machen sie sogar in großer Anzahl mit.

Genau dann tritt für klassische CMS ein weiteres Problem auf:

Bei UGC gibt es eine für das klassische System häufig viel zu große Zahl an Redakteuren, die in unvorhersehbaren Rhythmen veröffentlichen. Zudem müssen sich diese Redakteure ihr Profil im CMS weitgehend selbst anlegen.

Der User-Redakteur muss also in der Lage sein, all diese Fragen selbständig zu beantworten:

- Wie lege ich mein Profil an?
- Wo darf ich Inhalte publizieren?
- Wie pflege ich Inhalte?
- Wie interagiere ich als Redakteur mit anderen Usern?
- Welche Freigabeprozesse muss ich beachten?
- Welche Templates kann und darf ich nutzen?
- Wie werden die Templates ausgewählt?
- usw …
Eine Binsenweisheit lautet: Ausgerechnet Usability bildet die Achillesverse vieler klassischer CMS!

Viele Systeme können unglaublich viel. Nur wissen selbst professionelle Redakteure nur allzu selten, wie man die Möglichkeiten ausschöpft. Oft muss ein Redakteur den Techniker zu Rate ziehen, bevor er seine Ziele umsetzen kann.

Nur äußerst selten sind CMS wirklich bedienungsfreundlich und annähernd selbsterklärend. Häufig sind sie selbst für erfahrene Experten nicht ohne intensive Schulungen zu verstehen. Für horizontales Content Management ist daher ein ganz anderes Interface notwendig als beim vertikalen Content Management. Es muss wesentliche laienfreundlicher sein als sein vertikales Pendant.

Damit nicht genug:

Eine Community mit ein paar Handvoll aktiver User ist kein großer Erfolg. Online-Communities wollen tausende von Usern. Nicht jedes klassische CMS würde aber die Anzahl von mehreren tausend Redakteuren aus Performance-Gründen bewältigen. Extrem hohe Skalierbarkeit ist daher für eine Community-Lösung ebenso notwendig wie eine sehr hohe Performance beim gleichzeitigen Zugriff einer großen Anzahl von Redakteuren.

3. Software für horizontales Content Management

Die meisten klassischen CMS sind daher mit den Anforderungen des UGC regelmäßig überfordert bzw. sie sind überhaupt nicht auf diesen Fall ausgelegt. Je mehr man ins technische Detail geht, desto komplizierter wird dabei die Problematik. Dazu Per Thelin, CTO von Expressen.se:

"The difference in how the content is used, how often content is created and primarily how and when the server caches and flushes their caches makes the current CMS systems on the market inpropriate for user generated content."
Bei Expressen hat man sich daher mit XCAP für eine sog. Community-Plattform entschieden, die als horizontales System das vertikale CMS Polopoly ergänzt. Das System generiert und verwaltet nicht nur die User-Profile, es besitzt auch eine Schnittstelle zum Web-Frontend, das in vielen Bereichen nach wie vor aus dem bisherigen CMS generiert wird.

III. Technik und Workflows

In den folgenden beiden Teilen werden zuerst die technischen Aspekte des Frontends/Backends einer solchen Lösung dargestellt. Anschließend werden daraus resultierende Workflows näher dargestellt.

Fortsetzung Teil 2: Technische Fragestellungen (u.a. Frontend und Backend, Integration Fortsetzung Teil 3: Workflowfragen (u.a. Rollen, Inhaltskontrolle, Crossmedia)




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Autor

Oliver Merx ist Business-Development-Manager der Burda Direkt Service. Zuvor arbeitete er als Berater und Softwareentwickler sowie in verschiedenen Leitungspositionen namhafter Internet-Dienstleister.

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