War der Begriff Web 2.0 bis vor kurzem Unternehmen noch weitgehend fremd und in erster Linie mit den Erfolgsgeschichten großer Firmen wie Amazon, Google oder Wikipedia verbunden, so werden zunehmend auch traditionelle Unternehmen darauf aufmerksam und stellen sich die Frage, wie sie das Web 2.0 für sich nutzenkönnen. Und auch Analysten sehen und analysieren diesen Trend. So ist im 2006Emerging Technologies Hype Cycle von Gartner [1] das Web 2.0 eines von dreizentralen Themen, die innerhalb der nächsten Jahre für Unternehmen Bedeutunggewinnen werden. In einer Marktanalyse von Booz Allen Hamilton [2] wird betont,dass sich das Web 2.0 im Leben der Konsumenten immer weiter durchsetzt undsich demnach auch Unternehmen mit Chancen und Implikationen im Hinblick aufihre Kundenbeziehungen auseinander setzen werden müssen.
Sucht man nach dem Begriff Web 2.0, so stößt man rasch auf die Umschreibung vonTim O'Reilly [3], die sich auf acht so genannte Design Patterns stützt. Darunter findetsich beispielsweise das Postulat, dass der Wert von Anwendungen zunehmend in denDaten bzw. der Mehrwert in den Beiträgen von Nutzern liegt. Außerdem wird ausführlichdargestellt, was das uns bekannte, alte Internet – als Web 1.0 bezeichnet – vom Web2.0 unterscheidet. Bringt man die Ausführungen von Tim O'Reilly und andereDefinitionen auf einen Nenner, so bleiben zwei Aspekte übrig, an denen sichUnternehmen orientieren können. Auf der einen Seite sind es die Technologien bzw.Anwendungen, wie Ajax oder Weblogs, auf der anderen Seite ist es der soziale Aspekt,d.h. das Prinzip der Interaktion zwischen Nutzern, die das Web 2.0 definieren und somitauch die Grundlagen für die Umsetzung des Web 2.0 im Unternehmenskontextdarstellen. Kurz, die Architecture of Participation macht das Web 2.0 aus.
Was die Umsetzung dieser Architecture of Participation anbelangt, so stehen einemUnternehmen zwei Möglichkeiten offen. Entweder das Unternehmen gründet seinGeschäftsmodell im Kern auf diese beiden Aspekte oder es setzt sie innerhalb einzelnerGeschäftsprozesse um. Für Unternehmen, die bisher ihre Geschäfte auf traditionellemWege abwickelten, liegt der zweite Fall näher. Es ist aber nicht auszuschließen, dassauch solche Unternehmen einen umfassenderen Wandel im Sinne der Realisierungeines Web 2.0 zentrierten Geschäftsmodells unterziehen. Dies kann z.B. für ContentProvider, wie Verlage, der Fall sein, die sich zunehmend der Konkurrenz von Anbieternstellen müssen, die ihre Inhalte kostenfrei zur Verfügung stellen. Der Interessenskampfgeht aber weit darüber hinaus: So finden sich in der Wikipedia Informationen zu Top-Ereignissen noch bevor sie bei Nachrichtendiensten vorliegen!
Der Einsatz kann intern oder extern erfolgen. Das heißt, die Personengruppen, die mitder Bereitstellung oder dem Austausch von Information direkt oder indirekt einen Wertfür das Unternehmen erzeugen sollen, bestehen in Mitarbeitern, Partnern oder Kunden.
Zusammengefasst lässt sich Web 2.0 im Unternehmenseinsatz also definieren als dieÜbertragung der sozialen und technologischen Erscheinungen des Web 2.0 auf denUnternehmenskontext mit dem Ziel, Wertschöpfung zu generieren. Die Umsetzung kannsich dabei auf einzelne Geschäftsprozesse beziehen oder das gesamte Geschäftsmodell einbeziehen und diverse Interessensgruppen einbeziehen.
Ein Unternehmen, das sein Geschäftsmodell auf dem Web 2.0 gründet, istsalesforce.com. Das Kernprinzip des Unternehmens und damit des Geschäftsmodellsbesteht darin, seine Anwendung den Kunden für die individuelle Weiterentwicklung undAnpassung zugänglich zu machen. Die Kunden können sich sowohl mit den Entwicklernaustauschen also auch mit anderen Kunden. Ihre Weiterentwicklungen undAnpassungen stellen sie im Gegenzug wieder zur Verfügung. salesforce.com hat sichalso den Community-Gedanken zum Grundsatz gemacht. Ein Mehrwert wird auf beidenSeiten generiert. Das Unternehmen hat zufriedene Kunden, die zur Weiterentwicklungseines Produkts beitragen. Die Kunden wiederum haben angepasste Lösungen imEinsatz und können jederzeit Unterstützung bei anderen Kunden beziehen.
Ein Unternehmen, das Blogs in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit und inZusammenarbeit mit externen Entwicklern und Programmieren von Drittanwendungennutzt, ist Sun Microsystems [4]. Laut Simon Phipps können beispielsweiseKundenbedürfnisse rascher beantwortet werden und durch den Wissensaustausch kannbessere Software entwickelt werden. Sun ist auch das größte Unternehmen, dessenCEO erfolgreich einen Blog führt. Aktuell verlinken 1.099 Blogs auf den Blog vonJonathan Schwartz.
Nun scheint es – nicht zuletzt aufgrund der großen Erfolge – auf den ersten Blicksimpel, Web-2.0-Technologien einzusetzen. Unternehmen meinen häufig, die Web-2.0-Prinzipien in großem Stil übernehmen zu können, und hoffen, dass sich die Prinzipienauf das Tagesgeschäft übertragen lassen. Dabei sind sie sich nicht im Klaren, inwelchen Bereichen, zu welchem Zweck und unter welchen Voraussetzungen sich dasWeb 2.0 nutzen lässt. Wer also das Web 2.0 Wert schöpfend umsetzen will, muss sichintensiv mit Fragen auseinander setzen, von denen einige im Folgenden besprochenwerden sollen.
[1] www.gartner.com/...
[2] Web 2.0 – Mythos oder Realität? Pressegespräch Booz Allen Hamilton Marktanalyse. Frankfurt,Dezember 2006.
[3] Tim O'Reilly (2005). What Is Web 2.0. Design Patterns and Business Models for the Next Generation of Software. www.oreillynet.com/...
[4] bcom522.blogspot.com/...
[5] www.centrestage.de/...
Der vorliegende Artikel wurde bereits in der Zeitschrift Wissensmanagement 04/07 veröffentlicht!
Prof. Dr. Klaus Tochtermann
Prof. Dr. Klaus Tochtermann arbeitet an verschiedenen anwendungsorientierten Forschungseinrichtungen in Deutschland, Österreich und den USA zum Thema Wissensmanagement. Er ist Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Know-Center Graz, Österreichs Kompetenzzentrum für Wissensmanagement.
Gisela Dösinger
Gisela Dösinger ist promovierte Psychologin und seit 2002 am Know-Center Graz beschäftigt. In der Rolle der Projektleitern betreut sie interne strategische sowie Auftragsprojekte. Die Themen, mit denen sie sich bisher beschäftigt hat, decken eine breite Palette ab. Derzeitigen Arbeitsschwerpunkt: Web 2.0.
Alexander Stocker
Mag. Alexander Stocker ist Betriebswirt und seit 2004 am Know-Center tätig. Er forscht im Rahmen seiner Dissertation, wie sich der Wandel durch Web 2.0 auf die Wissensarbeit(er) in und um Unternehmen auswirkt.
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