Kaum unternehmensweite Ansätze


17.04.2007

Auch wenn kein Anbieter von sich behaupten kann, den gesamten technisch-funktionalen (und preislichen) Bereich oder das gesamte Spektrum der branchenspezifischen/fachlichen Anforderungen des ECM gleich gut und aus eigener Hand abzudecken, so ermöglichen die heute angebotenen Systeme doch unternehmensweite Lösungen. Diese technischen Möglichkeiten für ein ganzheitliches Content Management werden von Anwenderunternehmen aber nicht konsequent genutzt: suboptimale Abteilungslösungen (z.B. Rechnungseingangsbearbeitung, Antragsbearbeitung, E-Mail-Archivierung, Drucklistenarchivierung) auf Basis unterschiedlicher Systeme prägen das Bild.

Die IT-Kosten sind aber nur eine Dimension des Problems. Viel gravierender ist, dass durch die Verteilung der Inhalte und Funktionen auf verschiedene Systeme die gesamte Unternehmenseffizienz leiden kann. Nur mit abgestimmten, integrierten Infrastrukturen können Prozesse rund laufen, können Unternehmensziele erreicht werden. Erst durch Analyse der Geschäftsprozesse wird deutlich, welche Potentiale in den Unternehmen schlummern und verschenkt werden. Dann werden die Abhängigkeit der Unternehmensprozesse von betrieblichen Inhalten, die Art und Weise wie die Inhalte verwaltet werden und die Kosten dafür erst transparent.

Leitlinien

  • Standardisierung auf wenige (kaum möglich: auf ein einziges) Produkte, die alle Anforderungen abdecken
  • Keine optimale Ausstattung für die einzelne Tochter, OEs etc., wenn dieser einzelne Vorteil mit dem Nachteil der biotopischen Vielfalt für das Gesamtunternehmen erkauft werden muss
  • Vielfalt verhindert Zentralisierung und Sourcing-Strategien

ECM-Strategie zur Reduzierung der Komplexität

Um zu einer dem Unternehmen entsprechenden ECM-Lösung zu kommen, ist die Entwicklung einer ECM-Strategie notwendig, die sich an den Unternehmenszielen orientieren muss. Eine reine IT-Sicht führt nicht unbedingt zu einer optimalen Lösung, wenn nur Vereinheitlichungsgesichtspunkte eine Rolle spielen und die gesamt-betriebliche Sicht außer Acht gelassen wird.

Daher ist als erstes zu klären, welche Unternehmensziele durch effektives ECM unterstützt werden können. Das sind i.d.R. Ziele, die die Effizienz der Prozesse (z.B. durch Verkürzung der Durchlaufzeiten durch papierlose Vorgangsbearbeitung), die Steigerung der Kundenzufriedenheit und des Absatzes (z.B. durch Internet-Angebote, d.h. Web-Content-Management und automatisierte Prozesse im Back-Office), der Verbesserung der Mitarbeitereffizienz (z.B. durch Mitarbeiterportale und Wissensmanagement) und die Verbesserung der Steuerung der Prozesse bzw. der Mitarbeiter (z.B. durch Einführung von Workflow- und Collaboration-Management) betreffen.

Dazu sind beispielhaft folgende Fragenkomplexe zu analysieren:

  • Welcher Content wird benötigt und welche Content-Funktionen sind heute und zukünftig für die Geschäftsprozesse notwendig?
  • Welche führenden Anwendungssysteme (ERP-Systeme, Mailsysteme etc.) erzeugen Content, der im ECM-System abgelegt und verarbeitet werden muss?
  • Welche Zielsysteme (abfragende Systeme) benötigen Content aus dem ECM?
  • Wie kann die Anzahl der Lösungen, Komponenten und Schnittstellen reduziert werden, die diese Funktionen abdecken?
  • Wie kann das ECM einem Anwender den Content zur Verfügung stellen?
  • Wie werden Content und Anwendungssystem integriert?
  • Welche standardisierten Spezifikationen stehen für diese Integrationsschnittstellen zur Verfügung (JSR 168 und JSR 170), die die individuelle Schnittstellenentwicklung teilweise ablösen können?
  • Kann die Vielzahl der Dokumentformate reduziert werden?
  • Wie viele und welche Berechtigungssysteme sollen insgesamt integriert werden?
  • Sind für unterschiedliche Länder unterschiedliche Systeme notwendig (wegen mangelnder internationaler Präsenz der Hersteller)?
  • Sind für alle Organisationseinheiten (von klein bis sehr groß) Lösungen auf Basis weniger Plattformen möglich, oder sind manche ECM-Plattformen "zu groß, zu komplex, zu teuer" für manche Anforderungen?

ECM als Content-Infrastruktur

Daraus ergibt sich – unterlegt mit den Anforderungen aus der IT-Strategie hinsichtlich der technischen Plattformen, Architekturen, usw. - eine Enterprise Content Infrastruktur.

Abbildung 5: Enterprise Content Infrastruktur

Die Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen (das Verkaufsargument der ECM-Anbieter schlechthin) ist auch weiterhin ein wichtiger Gesichtspunkt, wenn es um die Verwaltung von Content geht, der handels-, steuer- oder zivilrechtlich relevant ist. Um Schaden vom Unternehmen abzuwenden, muss geprüft werden, ob die gesetzlichen oder betrieblichen Vorgaben mit dem ECM-System umgesetzt werden können. Mit der zunehmenden Sensibilisierung des Gesetzgebers für die Relevanz elektronischer Dokumente bleibt das Thema Konformität der Systeme mit den geltenden regulatorischen Anforderungen (nichts anderes bedeutet der Begriff "Compliance") nach wie vor von Bedeutung.

Strukturierte Vorgehensweise

Eine richtige ECM-Strategie kann das Unternehmen voranbringen. Der Erfolg der Strategie ist maßgeblich davon abhängig, dass die richtigen Personen im Projekt integriert sind und ein strukturiertes, transparentes Vorgehen eingehalten wird. Eine typische Vorgehensweise und unterstützende Werkzeuge sind in der nachfolgenden Abbildung dargestellt:

Abbildung 6: Vorgehensweise ECM-Strategie

Werkzeuge helfen bei der Umsetzung der einzelnen Phasen. Sie unterstützen eine systematische Vorgehensweise, verkürzen die Projektlaufzeit und stellen Vollständigkeit sicher.

Fazit

Der Markt stellt eine Vielzahl von ECM-Lösungen zur Verfügung, die alle Arten von Content-Anforderungen abdecken können. Leider gibt es aber bisher keine Produkte, die alle Anforderungen aus einem einzigen homogenen Guss abdecken. Dies gilt auch für die großen internationalen Hersteller, die ihr Produktportfolio in der Vergangenheit massiv – und zum Teil sogar redundant – erweitert haben. Hier stehen Ausdünnungen der Produktlinien an, die nur durch die recht üppigen Umsätze für Wartung und Support der "Legacy-ECM-Systeme" in die Länge gezogen, aber sicherlich nicht dauerhaft verhindert werden können.

Die Anwender auf der anderen Seite müssen dringend die kaum noch wartbare Vielfalt ihrer historisch gewachsenen Content-Biotope reduzieren. Daher gehen viele dazu über und entwickeln einen an den Unternehmenszielen orientierten ECM-Masterplan, der sowohl die Komplexität durch Reduzierung der Komponentenvielfalt zurückschrauben soll, gleichzeitig aber die unterschiedlichen Anforderungen der Organisationseinheiten (von klein bis groß), Tochtergesellschaften und Betriebsmodelle (Thema: Eigenbetrieb zentral oder dezentral oder Sourcing) berücksichtigt.




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Autor

Nach langjähriger Tätigkeit als Berater im Bereich Dokumenten-Management gründete er Anfang 1997 die Zöller&Partner GmbH als neutrale, produkt- und anbieterunabhängige Beratungsfirma. Bernhard Zöller ist langjähriges Mitglied der AIIM und Vorstand im VOI.

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