Gamification - Das Leben ist ein Spiel


19.07.2011

Was ist Gamifikation?

Gamification ist der Versuch, Websites und interaktive Anwendungen nutzbarer zu machen, indem man spielerische Elemente einsetzt. Gamification soll meist langweilige Aufgaben interessanter machen. Das können einfache Fortschrittsanzeigen sein, das Vergeben von (virtuellen) Belohnungen oder Bestenlisten (Highscores).

Location Based Services wie Foursquare vergeben an ihre Nutzer Badges, also Abzeichen. Neben dem bekannten Mayor (Bürgermeister) gibt es zum Beispiel Badges für Pizza-Fans ("Pizzaiolo", 20 Check-Ins in Pizzerien) oder für Fitness-Freaks ("Gym Rat", 10 Check-Ins in 30 Tagen im Fitnessstudio).

Wer sich am häufigsten bei einem Ort anmeldet, wird bei Foursquare dessen Mayor (Bürgermeister).

Aber auch beim Business-Netzwerk Xing etwa gibt es Gamifikation-Ansätze: Hier sieht man zum Beispiel als Fortschrittsanzeige, wie viele Informationen man in seinem Profil schon ergänzt hat. Das soll motivieren, noch mehr Inhalte von sich preiszugeben.

Fortschrittsanzeige für die Profilinformationen bei Xing

Übliche Ansätze für die Umsetzung spielerischer Konzepte sind:

  • Fortschrittsanzeigen
  • Auszeichnungen, Fleißbildchen (Badges)
  • Abschnitte, Stufen (Level)
  • Punkte (Scores)
  • Bestenlisten (Highscores)

Das Wissensportal StackOverflow setzt auf ein Punktesystem. Wer hier Fragen beantwortet, bekommt Punkte, und für bestimmte Punktzahlen gibt es Badges und Privilegien. Die über 500.000 Nutzer haben bisher 1,5 Millionen Fragen rund um das Thema Programmierung beantwortet.

Die iPhone-Anwendung EpicWin bringt spielerische Ansätze in beliebige Alltagsaufgaben: Hier kann man sich selbst Ziele setzen und wird dann dafür belohnt, wenn man sie erreicht. Das kann das Wegbringen von Altglas sein oder die tägliche Fitness.

Ein alter Hut?

Ein Kritikpunkt ist, dass Gamifikation nur ein Modewort ist, unter dem Ansätze zusammengefasst werden, die es schon länger gibt. Das bestreitet kaum jemand – dennoch lohnt es sich für Konzepter darüber nachzudenken, ob man mit spielerischen Ansätzen die User Experience seiner Anwendungen verbessern kann.

Möglichkeiten von Gamifikation

Auf der re:publica 2011 hat Sebastian Deterding über Gamification berichtet. In seinem Vortrag war Deterding durchaus kritisch. Er untersuchte, was an den derzeitigen Umsetzungen schlecht gelöst ist. Es fehlen aus seiner Sicht:

1. Herausforderungen
2. Relevanz
3. Autonomie

Die Herausforderungen müssen in kleine Schritte unterteilt werden, die immer schwieriger werden sollen. So wie sich in einem Computerspiel schwere mit leichteren Levels abwechseln, in der Tendenz aber zunehmend schwerer werden. Dabei ist es wichtig, den Nutzer auch einmal scheitern zu lassen. Am Scheitern lernt er, was er falsch gemacht hat, beim nächsten Versuch lernt er, wie er es richtig macht.

Relevanz ist wichtig, weil die spielerische Aufgabe für den Nutzer auch eine Bedeutung haben muss. Ansonsten nimmt er sie nur als Hindernis wahr, um das zu tun, was er mit der Anwendung machen will.

Einfach nur Badges zu verteilen, wie es Foursquare macht, trägt auf Dauer nicht. Das setzt nur auf Feedback, ein anderer wichtiger Teil. Ein anderes Problem ist, dass Belohnungen dazu führen können, dass die Tätigkeit an sich entwertet wird. ("Wenn ich eine Belohnung bekomme, etwas zu tun, ist die Tätigkeit für sich offenbar nichts wert.")

Autonomie bedeutet, Freiheiten zu haben, Dinge zu tun, die die Entwickler nicht vorhergesehen haben. So gibt es Nutzer, die im Facebook-Spiel Farmville ihre Felder so gestalten, dass die Anordnung der Pflanzen ein Bild ergibt. Auch mySpace bot vor einigen Jahren als erstes Soziales Netz Freiheiten wie kein anderes – ein Grund für den damaligen großen Erfolg.

Deterding empfahl allen, die Gamifikation-Ansätze ausprobieren wollen, Folgendes:

1. Stelle den Prozess, nicht Funktionen in den Mittelpunkt.
2. Lerne die Regeln des Gamedesigns an echten Spielen.
3. Kenne deine Nutzer.
4. Teste & iteriere Prototypen.

Der große Erfolg des iPhone-Spiels Plants vs. Zombies ist zum Beispiel nicht vom Himmel gefallen. Ganze drei Jahre lang haben die Entwickler Prototyp nach Prototyp gebaut und mit Spielern getestet, bis sie die fertige Version online stellten.

Wie immer bei der Konzeption ist es also wichtig, Dinge nicht an der Zielgruppe vorbei zu entwickeln. Es macht Spaß, spielerische Ansätze umzusetzen. Achten Sie aber auch darauf, dass es Ihren Nutzern langfristig ebenso geht. Sonst sind Sie am Ende der einzige verbleibende Nutzer Ihrer Anwendung.

Links

- Deterdings Präsentation auf der re:publica – nur die Folien ohne den Sprechertext sind schön anzuschauen, aber für sich allein nicht richtig hilfreich (wie bei jeder guten Präsentation).

- Inhaltlich recht ähnliche Präsentation mit Kommentaren – dadurch besser geeignet, um die Position von Deterding zu erfassen.

- Video über die Gamifikation des Sammelns von Altglas


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Autor

Jens Jacobsen ist Geschäftsführer der Content Crew GmbH. Als Berater unterstützt er Unternehmen bei der Planung und Konzeption von Inhalten aller Art. Seine Schwerpunkte sind Podcast-Produktion, Websites und Usability. Er ist Autor zahlreicher Bücher.

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