Praxis: Logistik zwischen Hersteller und Handel – Zeitfenster-Management


23.02.2010

Spediteure mit bestellten Getränken, LKW mit palettenweise leeren Flaschen, eigene Lieferwagen – die Logistik bei der A. Kempf Getränkegroßhandel GmbH gleicht einer rotierenden Drehscheibe zwischen Neuware und Leergut, Lieferanten und Kunden.

Das Unternehmen beliefert hunderte Filialen der Edeka-Gesellschaft mit Getränken, entsprechend hoch ist der Druck auf Disposition und Abfertigung. Schon kleine Verzögerungen würden für Spediteure und Abnehmer Wartezeit bedeuten. Um das zu vermeiden und die Logistik besser steuern zu können, nutzt Kempf seit März das Zeitfenster-Management der Logistikplattform Transporeon. Die Frachtführer sind begeistert, für sie ist jede Minute weniger Standzeit bares Geld.

Die Dichte an LKW in der Abfertigung bei Kempf ist sehr hoch, in der Regel dauert es nur rund 15 Minuten, bis ein Fahrzeug entladen ist. Die Schnelligkeit ist auch nötig, in der Sommersaison treffen täglich zwischen 110 und 140 LKW am Standort in Balingen mit seinen acht Ladestellen ein, außerhalb der Saison sind es immer noch 60 bis 80. Im zweiten Lager des Unternehmens in Offenburg ist die Auslastung im Verhältnis ähnlich. Eigenmarken der EDEKA Südwest aber auch Getränke von bekannten Produzenten, wie CocaCola oder Nestlé, liefert Kempf an die Filialen der Edeka-Kette und ihrer Tochterfirmen Union-SB, Marktkauf, und Treff Discount – alles vom Sprudelwasser, über Fruchtsaft und Wein bis zum Bier.

Gegen den Verkehrsinfarkt: Lieferanten und Spediteure wählen Ankunftszeit selbst

Die hohe LKW-Dichte brachte in der Vergangenheit aber auch immer wieder Schwierigkeiten mit sich: Schon kleinste Verzögerungen summierten sich und führten zu Stauungen im Ablauf. Geregelt wurden die Liefertermine über die Disponenten der beiden Standorte. Diese bestellten neue Ware mit einem zeitlichen Vorlauf von ein paar Tagen und gaben dabei Liefertag und -uhrzeit bereits fest vor. Allerdings liefern viele Getränkehersteller nicht selbst, sondern beauftragen Speditionen. Vor allem im Sommer kann es deshalb vorkommen, dass sich kurzfristig nicht genug Frachtraumkapazität findet und sich die Lieferung verspätet. Die LKW, die ihren Termin verpassten, mussten noch zusätzlich warten, bis Ressourcen zu ihrer Entladung frei wurden, und durften dann unter Umständen nicht zurückfahren, weil die Fahrer ihre Lenkzeit überschritten hatten.

Um das zu ändern, führte Kempf Ende März 2009 das Zeitfenster-Management der Logistikplattform Transporeon ein. In dieses online-basierte System trägt der Getränkegroßhändler jetzt seine freien Ladetermine ein.

Das Zeitfenster-Management von Transporeon erleichtert die Koordination an der Laderampe

Zeitfenster-Management bei Kempf - Festlegen von Ladeterminen

Ziel war es, die Pünktlichkeit zu erhöhen, indem die Transporteure ihre Wunschzeit auswählen können. Der Disponent von Kempf übermittelt bei der Bestellung keine Lieferuhrzeit mehr, sondern nur das Datum und die Bestellnummer. Damit kann der Lieferant sich in den Zeitfensterplan einloggen und für die Bestellung einen für ihn passenden Entladeslot buchen. Beauftragt der Lieferant stattdessen einen Spediteur, bekommt dieser die Bestellnummer und sucht selbst einen Slot für sich aus. Der Auftrag wird aus den offenen Buchungen des Lieferanten entfernt und zu den offenen Buchungen des Transporteurs übertragen. Dies gilt auch für die LKW aus dem eigenen Fuhrpark von Kempf, die regelmäßig Ware bei den Lieferanten abholen. Auch für sie wird über die Zentrale ein Zeitfenster gebucht, damit die Entladeprozesse störungsfrei ablaufen können.

Rote Karte für Verspätung: Pünktliche Lieferung ermöglicht Planbarkeit und schnelle Abfertigung

Tatsächlich hat sich inzwischen eine deutliche Verbesserung der Pünktlichkeit gezeigt, die Abweichung von der vereinbarten Uhrzeit liegt in der Regel bei unter einen halben Stunde – abhängig von den Verkehrsbedingungen. Durch den geregelten Ablauf kann der Getränkegroßhändler die Waren jetzt verlässlich kommissionieren und wiederum rechtzeitig an die Kunden liefern. Wer zu spät kommt, wird an das Ende der Warteschlage gestellt und kann nur hoffen, dass ein früherer Platz zum Abladen frei wird.

Planung der Lieferungen

Überzeugendstes Argument für die Spediteure war aber die faktische Zeitersparnis. Wer pünktlich kommt, ist schnell wieder vom Hof und spart damit teure Lenkzeit, die er sonst mit Warten verbrachte. Weiterer Vorteil war die bessere Planung der Leergutrückgabe. Der Kreislauf bei Kempf ist so geregelt, dass Fahrer, die Ware bringen, auch gleich das Leergut des Lieferanten wieder mitnehmen. Früher konnte es passieren, dass jemand einen späten Entladetermin zugewiesen bekam und danach nicht genug Zeit hatte, das Leergut noch beim Hersteller abzugeben. Das hieß, der Frachtraum blieb bis zum nächsten Morgen belegt. Durch die Möglichkeit, sich das Zeitfenster selbst auszuwählen, kann jetzt die Rückfahrt besser mit eingeplant werden.

Eine Plattform für die Branche: Kapazitäten von Lieferanten, Spediteuren und Verladern besser nutzen

Kempf setzt dieses Werkzeug auch ein, um die Nutzung der eigenen Ressourcen zu verbessern. So werden die Zeiten von der Bestellung bis zur Buchung des Zeitfensters gemessen, um festzustellen, ab wann idealerweise die Slots geöffnet werden sollen und wie viele nötig sind, um eine hohe Dichte an Fahrzeugen zu erreichen. Die Daten dafür werden über eine Schnittstelle direkt aus dem Warenwirtschaftssystem des Großhändlers übernommen. Zeitstempel protokollieren zudem den Eingang der Lieferung und helfen künftig bei der Lieferantenbewertung.

Auch andere Unternehmen der Branche nutzen das Zeitfenstermanagement von Transporeon bereits, so etwa der internationale Brauereikonzern InBev oder Fruchtsafthersteller Eckes-Granini. Um den speziellen Bedingungen zwischen Hersteller beziehungsweise Lieferant, Spedition und Empfänger Rechnung zu tragen, wurde das Zeitfenster-Management-System um die Möglichkeit erweitert, dass sich auch außenstehende Frachtführer mit einer konkreten Bestellung eines Lieferanten anmelden können.

Ermöglicht wurde diese rasche Anpassung durch die integrative Struktur des Programms, das sich nicht nur für das Reporting einsetzen lässt, sondern über Buchungsregeln sowie Event- und Änderungsmanagement eben auch komplexere Aufgabenstellungen bewältigen kann. Selbst Gate-Mapping ist möglich, wodurch mit bestimmten Lieferungen nur Zeitfenster an speziellen Rampen gebucht werden können, etwa bei Tiefkühlware.

Integration nach Maß: Logistiksteuerung statt schlichter Kalender

Mittels der starken Integration der Plattform in das Warenwarenwirtschaftssystem erhält der Verlader eine auf seine Prozesse abgestimmte umfassende Logistiksteuerung, die neben dem reinen Zeitfenster-Management auch die Steuerung vor- und nachgelagerter Prozesse rund um die LKW-Be- und Entladung ermöglicht – oft sogar über Unternehmensgrenzen hinweg.

Betrachtet man diesen Aspekt, gehen dadurch die Anforderungen an die Verladungs-Steuerung weit über die Einführung eines reinen Online-Kalenders hinaus. Mancher Kunde erkennt diese Möglichkeiten und den eigenen Bedarf allerdings erst bei der Implementierung. Andererseits ist es auch nicht immer nötig, alle Möglichkeiten eines integrierten Zeitfenster-Managements umzusetzen, häufig reicht eine zweckmäßige Prozessunterstützung mit einfachen, vorhandenen Mitteln. Wie tief die Integration reichen kann und sollte, ist dabei von Anwender zu Anwender verschieden und wird jeweils entsprechend angepasst.


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