Alle Arbeitgeber in Deutschland sind verpflichtet, ihre Beschäftigten über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit zu unterweisen – erforderlichenfalls regelmäßig. So sieht es das Arbeitsschutzgesetz vor, dessen Ursprünge bis in das Jahr 1839 zurückreichen. Über die Einhaltung dieser Bestimmungen wachen bei Unternehmen vor allem die Berufsgenossenschaften und die Unfallversicherungen. Auch die Deutsche Bundeswehr ist verpflichtet, die geltenden Regelungen zum Arbeitsschutz für ihre rund 350.000 Beschäftigten im In- und Ausland umzusetzen.
Da sie als autarke Organisationseinheit innerhalb der Bundesrepublik agiert, koordiniert eine interne, zentrale Stelle für Arbeitssicherheit alle notwendigen Maßnahmen. Sie ist angesiedelt im Streitkräfteunterstützungskommando (SKUKdo) in Köln, das eine Vielzahl von bundeswehrweiten Fachaufgaben übernimmt. In den Abteilung entstehen die notwendigen Konzepte und Materialien, die das Personal vor Ort benötigt, um Maßnahmen und Schulungen zum Arbeitsschutz effizient durchzuführen. Bei der Deutschen Bundeswehr mit ihren vielfältigen Arbeitsbereichen – von der normalen Bürotätigkeit in der Verwaltung bis hin zur Bedienung von Spezialfahrzeugen – haben sie es natürlich mit einer großen Anzahl unterschiedlicher Schulungsinhalte zu tun.
Bisher wurden die rund 350.000 zivilen und militärischen Mitarbeiter der Bundeswehr ausschließlich in Präsenzschulungen über die notwendigen Arbeitsschutzmaßnahmen in ihrem Bereich informiert. Die zumeist notwendige, jährliche Auffrischung der Lerninhalte war mit einem entsprechend hohen logistischen und personellen Aufwand verbunden. Zudem standen die Ausbilder in den Fachabteilungen vor Ort regelmäßig vor dem Problem, dass bis zu 20 Prozent der Mitarbeiter aufgrund von Urlaub, Krankheit oder anderen Gründen nicht an der planmäßigen Schulung teilnehmen und erst durch aufwändig vereinbarte Zusatztermine erreicht werden konnten.
Die strategische Lösung für Heiko Jahnel und sein Team war ein zeitgemäßes Online-Schulungsprogramm, das es den Angehörigen der deutschen Bundeswehr ermöglicht, die Lerneinheiten flexibel in ihren Arbeitsablauf einzubinden. Die Bundeswehr verfügt über ein sehr leistungsfähiges Intranet mit einem eigenen Fernausbildungsportal. Die Integration der Schulungen zur Arbeitssicherheit in das zentrale Online-Medium war darum eine konsequente Weiterentwicklung der internen Organisationsstrukturen.
Die bundesweite Ausschreibung konnte die Bremer szenaris GmbH für sich entscheiden, die im vergangenen Jahr aus dem Geschäftsbereich "Training und Simulation" der Ray Sono AG hervorgegangen ist und bereits über jahrelange Erfahrung in der Erstellung von Lernsoftware für die Bundeswehr und die Bundesmarine verfügt. So realisierte das Team um die beiden szenaris-Geschäftsführer Klaus Bock-Müller und Dr. Uwe Katzky unter anderem eine realitätsgetreue Simulation für Arbeitsabläufe von Minentauchern der Marine und stellte den teamorientierten Aufbau von Schwimmbrücken für eine Spezialeinheit der Bundeswehr in einer Virtual Reality-Simulation dar. Bei der Entwicklung des Arbeitsschutz-Programms in Form eines web-basierten Trainings galt es vor allem, eine Vielzahl inhaltlich sehr unterschiedliche Lernthemen in eine Gesamtlösung zu integrieren.
Im Ergebnis ist in weniger als einem Jahr ein plattformunabhängiges Lernprogramm entstanden, das in derzeit 19 Modulen 17 verschiedene Themen rund um den Arbeitsschutz abdeckt: Von der Alkohol- und Drogenprävention, über den Brandschutz, den Umgang mit Diensthunden, den richtigen Bewegungsablauf beim Heben und Tragen bis hin zum Umgang mit Radioaktivität und anderen Gefahrstoffen. Jedes Modul ist in etwa 20 Minuten zu bearbeiten und vereint unterschiedliche Vermittlungsformen wie Text, Audio, Fotos, 2D- und 3D-Grafiken sowie Animationen zu einer umfassenden und dabei gleichzeitig unterhaltsamen Lernerfahrung. Ein abschließender Test mit fünf Multiple-Choice-Fragen führt bei korrekter Beantwortung automatisch zum Ausdruck eines Zertifikats, das der Mitarbeiter seinem Vorgesetzten als Nachweis vorlegen kann.
Für Bundeswehr-Koordinator Jahnel stellt die integrierte Lernkontrolle ein ganz besonders wichtiges Leistungsmerkmal des neuen Systems dar: Die Schulungen zur Arbeitssicherheit sind gesetzlich vorgeschrieben. Die Nicht-Einhaltung hat für die Vorgesetzten unter Umständen rechtliche Konsequenzen. Mit dem Online-Schulungsportal hat die Bundeswehr jetzt zu jedem Zeitpunkt einen genauen Überblick über den Entwicklungsstand einer Schulungsmaßnahme und können einzelne Bereiche gegebenenfalls gezielt ansprechen.
Für die weltweite Struktur der Bundeswehr hat die Umstellung auf Online-Schulungen noch einen weiteren, wesentlichen Vorteil. Denn natürlich gelten die gesetzlichen Regelungen nicht nur im Inland, sondern auch für alle Bundeswehr-Angehörigen, die sich zu Lande oder zu Wasser auf Auslandseinsätzen befinden. Mit dem Fernausbildungs-Portal im Intranet oder einer entsprechenden CD-ROM-Variante wird tatsächlich jeder Angehörige der Bundeswehr, auch wenn er sich zum Beispiel im aktiven Einsatz in Afghanistan oder auf hoher See befindet, erreicht.
Darüber hinaus werden auch alle Lieferanten und Fremdfirmen, mit denen die Bundeswehr in Geschäftsbeziehungen steht, über für sie relevante Aspekte des Arbeitsschutzes aufgeklärt. Uwe Katzky und sein Team haben deshalb 6 der 17 Themenbereiche des web-basierten Trainings auch in englischer Sprache umgesetzt. Die Strategie im Streitkräfteunterstützungskommando geht sogar so weit, die einzelnen Module in naher Zukunft auch in allen Landessprachen bereitzustellen, die bei den gegenwärtigen Auslandseinsätzen der Bundeswehr relevant sind.
Der Ergebnisse des ersten Feldtest begeisterte die Auftraggeber bei der Bundeswehr genauso wie die Mitarbeiter bei szenaris: Mehr als 80 Prozent der über 250 Testnutzer aus allen Bereichen der Bundeswehr sehen in der Darstellungsform über das Intranet eine deutliche Qualitätssteigerung im Vergleich zur frühren Präsenzschulung. Über 90 Prozent halten die gewählte Form der Online-Schulung als geeignet oder sogar sehr geeignet für die Vermittlung von Wissen zum Thema Arbeitsschutz. Die Bundeswehr macht natürlich die Erfahrung, dass sich manche Mitarbeiter erst an die neue Form des Lernens gewöhnen müssen. Auch der Vorgang des Einloggens und Startens einer Schulung wird von manchen Mitarbeitern noch als etwas 'holprig' bezeichnet. Insgesamt aber stoßen das web-basiertes Training und die Möglichkeit, das Lernpensum flexibel in den Arbeitsalltag einzubauen, auf überwältigende Zustimmung.
Auch die Erhöhung der Wirtschaftlichkeit innerhalb der Bundeswehr-Strukturen können die Mitarbeiter im Streitkräfteunterstützungskommando eindrucksvoll belegen: So konnte nicht nur die Gesamtzeit, die für die Durchführung der jährlichen Schulungen aufgewendet werden muss, von 280.000 auf rund 140.000 Stunden halbiert werden. Es entfallen auch die etwa 14.000 Arbeitsstunden der bisherigen Ausbilder und das gesamte Reisekosten-Budget.
Es ist ein beeindruckender Erfolg: Insgesamt hat die Bundeswehr mit dem Online-Schulungsangebot den bisherigen Aufwand zur Vermittlung von Arbeitsschutz-Richtlinien um mehr als die Hälfte reduziert und den Mitarbeitern gleichzeitig ein Maximum an Flexibilität bei der Bearbeitung der Lerneinheiten ermöglicht.
© 2012 FEiG & PARTNER