Neue mediale Herausforderungen verdeutlichen einen zentralen Erfolgsfaktor semantischer Software: Das kontextspezifische Sprachverständnis. Das Thema öffnet Chancen für semantische Verlagsprodukte.
Seit Wikileaks ist klar: Das Informationszeitalter bietet enorme Möglichkeiten um Missstände zu entlarven (sog. Whistleblowing ). Gleichzeitig hält es aber auch eine neuartige Bedrohung parat – die mediale "Freakwave". Die Monsterwelle . Das Original bringt auf hoher See größte Schiffe in Seenot. Das mediale Gegenstück macht ebenfalls keinen Halt vor den ganz Großen: Weder vor wirtschaftlichen Global-Playern noch vor Supermächten wie den USA!
Keimzelle des Phänomens ist das Social-Web: Hier kann sich hoch explosive Information rasend schnell verbreiten – besonders dann, wenn sie einem unerwünschten Leck entweicht, einem "Leak". Das allein reicht jedoch nicht aus, um von einer medialen "Freakwave" zu sprechen. Zu ihr kommt es erst, wenn sich auf der Social-Web-Woge eine zweite Welle aufbaut: Es ist die vom permanenten Quotendruck getriebene Berichterstattung der klassischen Medien. Die unkalkulierbare Wechselwirkung beider Wellen kann eine einzigartige mediale Gewalt entwickeln.
Grafik 1: "Freakwaves" auf See und in den Medien
Quelle: Segelclub Prinzensteg
"Freakwaves" entstehen durch die Wechselwirkung von mindestens zwei Wellen. In den Medien entspringt die erste Welle dem anarchischen Teil des Social-Webs. Sind die Inhalte brisant, dann besitzen sie für die klassischen Medien automatisch Quotenrelevanz. Bei Informationen von Whistleblowern ist dies häufig der Fall. Damit steigt die Gefahr einer zweiten, auf dem Wettbewerb professioneller Newsprovider basierenden, sich rasant aufpeitschenden Kommunikationswelle. Die unvorhersehbare Wechselwirkung beider Wellen kann eine Energie erzeugen, die jede der beiden Wellen allein kaum erzielen könnte. Ein Nebeneffekt: Die klassischen Medien stehen durch die "Wellenteilung" vor der Herausforderung , ihre journalistische Rolle im Hinblick auf Scoops neu zu definieren.
Mitunter ist die erste Doppelwelle nur der Anfang einer Kettenreaktion: Wehrt sich der Betroffene, kann es zu einem Phänomen kommen, das auf See " die drei Schwestern " genannt wird. Es ist das Aufeinanderfolgen mehrerer Superwellen. Das Wikileaks-Beispiel hat unmissverständlich verdeutlicht, wie unberechenbar die Reaktion sein kann, wenn man versucht, die Basiswelle, also das Social-Web zu kontrollieren: Im Zweifel kommt es dann zur Mobilisierung der digitalen " Wut-User ". Die Konsequenz: Eskalation anstatt Kontrolle.
| erste Welle | zweite Welle | |
| Publisher | Social Web | professionelle Newsprovider |
| Kanäle | Internet | Fernsehen, Radio, Print, Internet |
| Struktur | chaotisch; besitzt hohe Zersplitterung (Long-Tail) | professionelle Organisation und hohe Reichweite |
| Thema | geheime und/oder brisante Information mit anschließender Diskussion | berichtet über das Phänomen der ersten Welle, deren Inhalte und den Versuch der Betroffenen sie zu bekämpfen |
| Sprache | gesamtes Spektrum von (verschlüsselten) Nischen-Sprachen bis hin zu Mainstream | journalistische Sprache ist i.d.R. linguistisch regelkonform |
| Treiber | Überzeugung, Risikobereitschaft, Selbstverwirklichung, Wahrheitssuche; potenziell: Denunziation | journalistische Informationsversorgung, Geschäft, Quote, Wettbewerb |
| Kodex | tabulose Rebellion; wird z.T. als "Robin-Hood"-Mentalität empfunden und auch so dargestellt | besitzt viele empirisch gewachsene Tabus; journalistische "Ehre"; wirtschaftliche Abhängigkeiten |
| Speed | hohe Geschwindigkeit gerade bei besonders brisanten Themen | verglichen mit erster Welle eher ein Spätzünder |
| Recht | nutzt Länder mit maximaler Pressefreiheit (z.B. Schweden) | ist meist schärferen regionalen Presse- und Strafgesetzen unterworfen |
| Kontrolle | anarchisch, unberechenbar und daher kaum angreifbar und regulierbar; Gegenwehr u.a. Gefahr durch Hackerangriffe | ist "unschuldig" an erster Welle, kann deshalb diesbezüglich "frei" berichten |
| Gewalt | ermöglicht und forciert neue Dimension des primären, investigativen "Sprengstoff-Journalismus" | enorme Wucht durch umfassende, anhaltende und z.T. reißerische Sekundärberichterstattung |
| Monitoring | aufgrund von Long-Tail und Nischen-Formaten extrem umfassend und komplex; permanente Veränderung; z.T. eigene anarchische Sprachwelten | zwar umfangreich, aber dennoch vergleichsweise einfach, da leicht zu lokalisieren; sprachliche Regeln werden weitgehend beachtet |
Grafik 2: "Freakwave" durch Wechselwirkung von Social-Web und klassischen Medien
Ohne Web 2.0 wäre eine Freakwave wie Wikileaks schon aus rechtlichen Gründen kaum vorstellbar. Klassische Medien können zudem aufgrund faktischer Zwänge viel besser im Zaum gehalten werden. Das Web 2.0 durchbricht jedoch rechtliche Grenzen ebenso wie empirisch gewachsene (journalistische) Tabus und setzt professionelle Newsprovider sogar unter Zugzwang, sich ins Kielwasser des Leak-Journalismus zu begeben.
Durch Whistleblower-Portale wird der Prozess von investigativer Erstveröffentlichung und intensiver Sekundärberichterstattung irreversibel durcheinander gewirbelt und völlig neu definiert. Die Verlagerung von hoch brisanten Scoops ins anarchische Web 2.0 macht eine (rechtzeitige) inhaltliche Beurteilung der sachlichen Richtigkeit von "Leaks" zugleich immer schwieriger.
Veränderte Medienwelt
Mediale Freakwaves sind bisher zwar selten vorgekommen. Die Situation könnte sich aber rasant ändern, denn es ist mittlerweile ein Wettbewerb um die Veröffentlichung brisanter Informationen innerhalb des Social-Web sowie zwischen Social-Web und klassischen Medien als auch unter professionellen Newsprovidern entstanden. Zudem ist zu befürchten, dass durch weitere Wikileaks-Kopien die gesunde Hemmschwelle zur Veröffentlichung brisanter Information im Social Web insgesamt weiter sinkt.
Jede Community wird so zum potenziellen "Mini-Leaks". Das soziale Web könnte damit nicht nur zum El-Dorado für verantwortungsvolle Whistleblower, sondern auch für verantwortungslose Denunzianten werden – und wie hält man in Zukunft beides auseinander? Die Pressefreiheit gewinnt jedenfalls nicht nur durch diese Entwicklung – sie ist gleichzeitig der potenzielle Verlierer! Erst Recht dann, wenn Hacker zur Verteidigung des "Leak-Journalismus" zum Cyber-War aufrufen!
In Anbetracht solcher Umstände wird ein Punkt immer klarer: Es ist die allgemeine Notwendigkeit, das Geschehen im Web 2.0 permanent zu beobachten, systematisch zu erfassen und auszuwerten, also Monitoring zu betreiben – auf Seiten von Unternehmen als auch auf Seiten von Organisationen und dem Staat.
Aber wie? Der Ozean des Web 2.0 ist riesig!
Vor der Antwortsuche, sollte man zunächst folgendes verinnerlichen: Wikileaks als solches ist nicht die Revolution als die es oft dargestellt wird! Das Beispiel war und ist vielmehr die absehbare und damit konsequente Folge einer seit Jahren andauernden Entwicklung die noch längst nicht abgeschlossen ist: Es geht um den Einfluss des Web 2.0 auf das reale Leben! Wikileaks markiert folglich nur die aktuelle Spitze eines Eisbergs – eines gigantischen Gletscher-Abbruchs , der unkontrolliert über das offene Meer treibt, der nicht nur die helle, sondern auch die dunkle Seite des Social Web symbolisiert.
Speziell im Hinblick auf die Nutzung von "Leaks" werden beide Seiten dieses Bergs durch einen medialen Teufelskreis gespeist:
"The more widely you distribute information, the more likely it is to leak. If you disseminate it very widely by electronic means, it’s almost certain to leak." ( bclocalnews )
Die Krux: Jede "Freakwave" lässt durch die zuvor skizzierte Logik die Gefahr weiterer Riesenwellen steigen! Potenzielle "Leaks" aufzuspüren und zu "stopfen" könnte vor diesem Hintergrund alsbald eine der wichtigsten Aufgaben für Unternehmen, Organisationen und Staaten sein. Gleiches gilt damit auch für das Monitoring von internen und externen Kommunikationsprozessen.
Der Einsatz von Menschen ist beim Monitoring fraglos der beste Weg – dieser Weg stößt aber schon heute an seine Grenzen. Und wie wird es sein, wenn noch viel mehr Monitoring betrieben werden muss? Nicht zuletzt aufgrund von wachsendem Kosten- und Zeitdruck steigt vielerorts die Hoffnung auf eine neue Generation intelligenter Software.
Die zunehmende Dringlichkeit bildet die Überleitung zum eigentlichen Thema dieses Beitrags: Der langjährige Status des semantischen "nice-to-have" weicht immer mehr der Einsicht eines "must-have"! Es wird damit auch immer zwingender, die Erfolgsfaktoren semantischer Technologie genauer unter die Lupe zu nehmen! Auf Basis einer entsprechenden Analyse gilt es, neue Wege prüfen, um anschließend bessere Lösungen zu entwickeln. Solche, die nicht nur für das Semantic-Web, sondern auch für interne als auch externe Kommunikationsprozesse von Unternehmen geeignet sind, z.B.:
- Intern bei der Analyse von ein- und ausgehenden Informationen (ähnlich der e-Discovery ) sowie der Suche (Enterprise-Search) usw.
- Extern beim Monitoring des Social Web (z.B. semantische Crawler ) als auch im Bereich der Kundenkommunikation (z.B. Anfrage- und Beschwerdemanagement) usw.
Semantische Bojen messen den Wellengang im Web 2.0
Zunächst zum bereits angerissenen Thema "Social-Media-Monitoring": Um den Wellengang im extrem zersplitterten Long-Tail des Social-Web möglichst automatisiert messen zu können, wird seit längerem an der Entwicklung spezieller semantischer Softwarelösungen gearbeitet. Sie sollen Communities und Blogs ununterbrochen scannen und Alarm schlagen, falls sich etwas Verdächtiges tut. Allerdings geht es dabei bislang weniger um "Leak-Detection", sondern vor allem um die Identifikation kritischer Produktbewertungen:
- Automobilhersteller wollen wissen, ob ihre Fahrzeuge gut abschneiden
- Pharma-Unternehmen interessieren sich für Nebenwirkungen von Medikamenten
- Geheimdienste suchen sicherheitsrelevante Äußerungen aller Art
- etc.
Egal ob für "Leak-Detection" oder sonstiges Webmonitoring: Um entsprechende Informationen korrekt zu klassifizieren reichen rein statistische Methoden ebenso wenig aus wie eine Keyword-Search! Man muss den Inhalt von Texten ähnlich wie ein Mensch verstehen und deuten können, wenn man valide Schlüsse ziehen will!
Grafik 3: Automatisches Monitoring
Quelle: Whitepaper Social-Media-Monitoring
Schon heute wird sowohl auf Basis von Keywords als auch mittels semantischer Technologie Social-Media-Monitoring betrieben. Aber je tiefer das Verständnis sein muss, desto wichtiger wird dabei der Mensch. Semantische Technologien stehen aber auch noch am Anfang. Sie besitzen viel Verbesserungspotenzial – dieses gilt es zu finden und in Lösungskonzepte umzuwandeln!
Speziell zur Interpretation des Web 2.0 braucht semantische Software mehr als bloß ein generelles Grundwissen ( vgl. dazu ausführlich Teil 2 ): Benötigt wird z.T. hoch spezielle Zusatzinformationen, um einen Text nicht nur "irgendwie", sondern kontextspezifisch sinnvoll zu interpretieren. Nur wenn Grund- und Zusatzwissen vorhanden sind, kann auf Basis einer hinreichend genauen inhaltlichen Interpretation eine sinnvolle automatisierte Klassifikation und Zuordnung bzw. ein Alert erfolgen:
- Wo wird gerade im Social Web über meine Produkte geredet (Ortung)?
- Wie werden meine Produkte beurteilt (Bewertung)?
- Wo muss man aufgrund kritischer Entwicklung handeln (Maßnahmen)?
- Wo könnten sich gar "Freakwaves" aufbauen (Gefahr)?
Weitere Kapitel
- 1. Teil: Semantische Software: Freakwaves, Tsunamis und Mahlstrom
- 2. Teil: Der babylonische Ozean der Sprache
- 3. Teil: Chance für Verlage














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