Transparenz statt bunter Verpackungen bei Open Source CMS


05.01.2005

Nach eigenen Angaben stellt das norwegische Unternehmen eZ systems das "führende professionelle" Open Source CMS her. Die PHP-basierte Anwendung für Web Content Management nennt sich "eZ publish" und wurde mehr als eine Million Mal heruntergeladen. Über 1500 internationale Kunden nehmen die Dienstleistungen der 35 in Skien ansässigen Mitarbeiter in Anspruch. Im Januar 2005 wird eZ systems eine Niederlassung in Dortmund eröffnen. Grund genug, die wachstumsorientierte Firma und ihr CMS unter die Lupe zu nehmen. Per E-Mail fragte Markus Nix den Geschäftsführer Aleksander Farstad allgemein zum Markt der Open Source CMS, sowie speziell zum Produkt seiner Firma.

Sind Open Source CMS im Vergleich zu proprietären Anbietern von minderer softwaretechnischer Qualität?

Aleksander Farstad (AF): Das ist sicherlich keine allgemeine Regel, denn es hängt vom Projekt ab. Zum Beispiel sind der Apache Webserver oder die MySQL-Datenbank von hoher Qualität - beides Open Source Produkte. Es gibt natürlich Open Source Software, die eine niedrige Qualität besitzt; dieselbe Spannbreite finden Sie jedoch auch bei proprietären Produkten. Unsere Software ist strikt objektorientiert programmiert und damit ganz vorne in der Reihe der PHP-Anwendungen.

Wo sehen Sie die Vorteile des Open Source Entwicklungsmodells?

Positiv am Open Source Entwicklungsmodell ist vor allem, dass freie Software oft bis zu hundert Mal mehr Nutzer hat, als vergleichbare proprietäre Produkte. Dadurch bekommen die Entwickler ein starkes Feedback was Fehler und gewünschte Funktionen angeht. Open Source Software ist damit potentiell stabiler und die Kundenzufriedenheit höher. Dem Kunden bietet diese Transparenz eine klare Entscheidungsgrundlage, denn man kann bei einem freien Produkt schnell erkennen, ob es die Erwartungen erfüllt - bunte Verpackungen und leere Versprechungen helfen da nicht. Auf der anderen Seite profitiert ein Software-Unternehmen wie das unsere von schnelleren Entwicklungszyklen, weil die Community mitwirkt. Bei uns sind das 17 000 registrierte Mitglieder auf der Firmen-Website, die auf die eine oder andere Weise die Produktentwicklung unterstützen.

Gerade in Open Source Projekten scheint die Verführung groß, als Programmierer zu denken, irgendjemand anderes wird den Fehler schon beheben.

Generell sind Open Source Entwickler hoch motiviert und würden schon deshalb einen gravierenden Fehler nicht lange bestehen lassen. Für den Fall der Fälle garantiert bei unserem CMS die Firma, dass das Problem schnell behoben wird, beziehungsweise dass bei einem Problem immer ein kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung steht. Abgesehen davon verfolgen wir einen kontrollierten Entwicklungsprozess und machen vor jedem Release umfangreiche interne Qualitätstests. In diesem Sinne verbinden wir in unserem Geschäftsmodell die Vorzüge von Open Source mit denen eines kommerziellen Dienstleistungsunternehmens. Dadurch können wir das Negative an Open Source, dass sich nämlich manchmal kein Programmierer verantwortlich fühlt, durch unseren professionellen Service ausgleichen.

Reibt sich ihre Firma da nicht zwischen Open Source Community und Geschäftswelt auf?

Keineswegs! Im Gegenteil ist diese Verbindung äußerst fruchtbar: Als Firma sind wir gezwungen, unsere Fehler offen einzugestehen, da wir sie nicht hinter proprietärem Code verstecken können. Das wiederum führt zu einem sehr offenen Kundenverhältnis und Arbeitsklima mit regen Ideenaustausch. Wir sind ständig gefordert, unser Bestes zu geben.

Wie nehmen Sie potentiellen Kunden die Angst vor lizenzrechtlichen Verstrickungen mit Ihrer Open Source Software?

Auch einige unserer internationalen Kunden waren zu Beginn skeptisch was Open Source angeht, doch im Endeffekt ist das Lizenzproblem bei uns leicht zu lösen: Das eZ publish CMS kann einerseits kostenlos unter einer freien Lizenz eingesetzt werden, und zwar unter der etablierten GPL. Andererseits verkaufen wir unser Produkt unter der von uns so genannten "Professional License". Mit dieser Version unseres Produkts hat der Kunde erweiterte Freiheiten; er kann zum Beispiel seinen Code schützen und muss ihn nicht wie bei der GPL mit der Community teilen.

Welche konkreten Möglichkeiten bietet die Professional License?

Wer eZ publish unter einer Professional License kauft, kann selbst proprietäre Lösungen auf Basis des enthaltenen Content Management Framework (CMF) erstellen und diese verkaufen. Der Kunde hat alle qualitativen Vorteile einer Open Source-Software, ohne sich an eine freie Lizenz halten zu müssen. Die Professional License erlaubt ihm, den Code zu ändern, dem resultierenden Produkt einen eigenen Namen sowie eine eigene Lizenz zu geben, um es eigenständig zu vertreiben. Solche skalierbaren Profitmöglichkeiten bieten nicht einmal viele rein proprietären Anbieter. Dasselbe duale Lizenzmodell wendet übrigens auch MySQL und fährt bekanntlich sehr gut damit.Sie verdienen ihr Geld also mit der Professional License, womit sonst noch?

Wir bieten kostenpflichtige Erweiterungen für eZ publish an, wie zum Beispiel einen WYSIWYG Online Editor oder eine Schnittstelle zu Oracle-Datenbanken. Außerdem generieren wir natürlich Einnahmen durch Dienstleistungen wie Support, Schulungen und Beratung rund um unser Produkt.

Es gibt viele Open Source CMS, wie soll der Kunde da die Spreu vom Weizen trennen können?

Dass es so viele gibt mag daran liegen, dass sich das Open Source-Modell besonders im CMS-Bereich eignet. Es gibt einige gute CMS, auch viele sehr einfach gehaltene, die für ein bestimmtes Problem eine gute Lösung darstellen. Allgemein sollte man sich für ein System entscheiden, das die nötigen Aufgaben erledigt. Vor allem sollte man sich an der Zahl der Nutzer orientieren, da es seine guten Gründe hat, wenn diese bei einem bestimmten CMS signifikant hoch ist.

Wenn es so viele gibt, warum sollte man sich gerade für Ihr CMS entscheiden?

eZ publish ist eines der am meisten genutzten Open Source CMS und es ist äußerst flexibel. Seine Enterprise-Funktionalität umfasst Web Publishing, Extranet, Intranet und E-Commerce - letzteres bietet kein anderes freies CMS. Mit seinem generischen CMF lässt sich jede dynamische Web-Anwendung erstellen.

Wo sehen Sie die typischen Einsatzgebiete eines Open Source CMS?

Pauschal kann man das nicht eingrenzen, bei unserem CMS ist es ein breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten. Zum Beispiel vertreibt das E-Commerce Portal der landwirtschaftlichen Kooperative Felleskjøpet mit eZ publish über 600.000 Produkte aus deren SAP-Anwendung und Oracle-Datenbank. Die deutsche Sparkassen Informatik GmbH & Co. KG hat den 250 Sparkassen ein Intranet auf Basis von eZ publish eingerichtet. Ein Extranet für Dokumenten- und Wissensmanagement mit eZ publish ist am belgischen Zentrum für Kernenergie installiert, die Kopenhagen Business School setzt unsere Software als WCMS für deren Homepage mit über 50 000 Seiten ein. Das Portal myFlorida.com bietet Millionen von Besuchern Informationen mit Hilfe von eZ publish.

Wo liegt der größte Entwicklungs-Bedarf bei Ihrem CMS?

Von seiner Flexibilität her kann unser CMS beziehungsweise CMF in der Liga der hochentwickelten proprietären Systeme mitspielen. Es ist eine reife Software, weshalb unser Hauptaugenmerk nicht auf neuen Funktionen liegt, sondern auf der leichteren Arbeit mit eZ publish. In der aktuellen Version 3.5 haben wir die Administrations-Oberfläche optimiert, für den kommenden Kandidaten 3.6 arbeiten wir vor allem an der Dokumentation, um Programmierern einen noch besseren Überblick zu bieten. Außerdem wird es zukünftig noch mehr Fertiglösungen geben, die wenig Anpassungsarbeit verlangen. Unser Produkt ist nicht perfekt, aber wir verbessern es ständig.

Was erwartet man in Zukunft von einem Open Source CMS?

Man sollte von ihm dasselbe erwarten wie von einem proprietären CMS, weshalb wir zum Beispiel die Usability und Flexibiltät ständig verbessern. Die wahren Vorteile von Open Source liegen nicht so sehr im Funktionsumfang, sondern viel mehr in der mitgelieferten Freiheit, nicht an einen einzigen Anbieter gebunden zu sein und von der hohen Qualität eines offenen Entwicklungsmodell zu profitieren.

Die Einhaltung technologischer Standards wäre zum Beispiel ein Kriterium für ein zukunftssicheres CMS...

Offene Standards sind uns sehr wichtig, seit der ersten öffentlichen Version von eZ publish im Jahr 2000 unterstützen wir XML. Mittlerweile bieten wir auch SOAP, WebDAV, RSS und so weiter an.

Und der JSR 170 Standard für Content Repositories?

Den haben wir uns genau angeschaut, sehen leider noch praktische Probleme in der Umsetzung, die im Standard selbst liegen. Sobald diese Probleme ausgeräumt sind, werden wir JSR 170 natürlich integrieren.

Was versprechen Sie sich von der Niederlassung in Dortmund?

Der deutsche Markt ist einer der größten in Europa, ich sehe hier ein hohes Potential für uns. In Deutschland haben wir schon einige größere Kunden, jetzt können wir ihnen vor Ort Rundum-Dienstleistungen anbieten und uns auf die Gewinnung von Neukunden konzentrieren - das alles nicht mehr in Englisch sondern endlich in deutscher Sprache. Die Niederlassung in Deutschland wird kontinuierlich ausgebaut, weshalb wir weiterhin nach Mitarbeitern suchen.

Was sind ihre weiteren Expansionspläne?

Unser Kundenstamm wächst beständig und wir werden in unser Wachstum investieren. eZ systems ist eine globale Firma, deshalb werden wir Niederlassungen in den größten Märkten der Welt eröffnen; hierzu gehören USA, Australien, Süd- und Osteuropa, Südamerika, Asien. Unsere Zielgruppe umfasst kleine, mittelständische, sowie Großunternehmen. Unser Ziel ist es, eZ publish zur Nummer eins unter den Open Source CMS zu machen.


Autor

  • Markus Nix

    eZ systems

Markus Nix ist Global Marketing Manager von eZ systems, dem Hersteller des Open Source Enterprise Content Management Systems eZ publish. Er veröffentlicht regelmäßig Artikel und Bücher zu Content Management und Webentwicklung.



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