Für die einen ist es lediglich ein neuer Hype, eine neue digitale Sau, die durch das globale Internetdorf getrieben wird, für die anderen zeigt sich an Weblogs ein "Strukturwandel der Öffentlichkeit": An Weblogs scheiden sich offenbar die Geister. Doch die sind nun mal aus der Flasche: Soziale Netzwerke, Social Software, Web 2.0 waren die Schlagworte des Jahres 2005. Für die Optimisten unter den Beobachetrn der neuen Entwicklung wird das so genannte Gatekeeper-Paradigma der Massenmedien abgelöst durch das Netzwerk-Paradigma des Internets.
Die Wirklichkeit ist weder schwarz noch weiß
Denn weder handelt es sich bei Weblogs und der rasant wachsenden Blogosphäre um einen Hype, d.h. um einen substanzlosen Reklamerummel, noch werden im Internet Gatekeeper vollständig von Netzwerkern abgelöst, d.h. es findet kein totaler Paradigmenwechsel statt. Eher schon handelt es sich um einen Prozess der Überlagerung oder Verschränkung, weil online basierte Massenmedien (Stern.de, Zeit.de oder Handelsblatt.de um nur einige Beispiele zu nennen) Weblogs in ihre Internetangebote einbauen und sich so diese Form der Vermittlung zunutze machen. Und auch die Journalisten der klassischen Medien, d.h. Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunk, nutzen Blogs für ihre Arbeit. Wie dies genau geschieht, wird nachfolgend dargestellt.
Die Verbindung von Weblogs und Journalismus hat eine doppelte Relevanz
Dem Rezipienten steht ein Werkzeug partizipatorischer Vermittlung zur Verfügung, das er ohne Beschränkung und Einschränkung durch Gatekeeper nutzen kann (Bezug 1). Dies führt zu vielfältigen, textbasierten Ausdrucksformen der Nutzer und zum (partiellen) Ausschalten des traditionellen Journalismus. Dem professionellen Journalisten steht dieses neue Mittel aber ebenfalls zur Verfügung. Er kann mitbloggen und darüber hinaus Blogs für seine massenmediale Arbeit nutzen (Bezug 2).
Kommunikationswissenschaftler, Journalisten und Soziologen betonen durchgängig Bezug 1, d.h. die emanzipatorische, revolutionäre Kraft, die Weglogs zugeschrieben wird. Dabei dominiert meist die Sicht, dass ganz normale Bürger plötzlich zu Journalisten würden. "Weblogging will drive a powerful new form amateur journalism as millions of Net users (…) take on the role of columnist, reporter, analyst, and publisher while fashioning their own (…) networks"( Lasica). Spiegel Online ortet in Weblogs gar "einen erfrischend ehrlichen Gegen-Journalismus, losgelöst von Refinanzierungszwängen und anderen Abhängigkeiten"
Viele Blogtexte haben in der Tat einen tagesaktuellen Bezug und beschäftigten sich – ähnlich wie eine Zeitung – mit politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Vorgängen im Land. Weil aber dennoch auffällt, dass Texte durchschnittlicher Weblogs anders geschrieben sind als Artikel in der täglichen Zeitung, werden Blogger zu Präfix-Journalisten: Gegen-, Pseudo- oder Alltagsjournalisten lauten dann die Bezeichnungen. Damit soll dem subjektiven, kommentar- und tagebuchartigen Charakter der Texte Rechnung getragen werden. Um aber Genaueres über die tatsächlichen journalistischen Verwendungsweisen und Funktionen von Weblogs zu erfahren, hat die Journalistik der Universität Leipzig eine kleinere Befragung durchgeführt. Per E-Mail wurden 12 namhafte Autoren und Journalisten (wie bspw. Else Buschheuer) befragt, die regelmäßig in deutscher Sprache bloggen. Gestellt wurden überwiegend offene Fragen. Gesammelt wurden deshalb vor allem qualitative Aussagen über den Umgang mit Weblogs. Deren Potenz zeigt sich nach Angaben der befragten Autoren in zwei Ausprägungen: als Werkzeug für Veröffentlichung und für die Recherche.
Das publizistische Tool
Primär sind Weblogs publizistische Experimentierkästen für Journalisten und Autoren, die ausgetretene Sprachpfade verlassen. Mittels Weblogs Texte zu publizieren, beinhaltet offenbar einen gewissen Experimentier- und Spaßfaktor: Das zeigen die hier exemplarisch ausgewählte Antworten auf die Frage, welche Ziele beim Bloggen verfolgt werden:
"Die eigene Kompetenz in diesem Bereich steigern. (…) Spaß an dieser Form des Publizierens haben." "Für mich ist es eine neue Form des Schreibens/Publizierens als Journalist und Sachbuchautor, die ich allerdings nicht näher definieren kann, da ich gerade erst dabei bin sie auszuprobieren und keine Ahnung habe, was letztlich dabei rauskommen wird." "Austausch von Erfahrungen, gegenseitige künstlerische Befruchtung."
Der Weblog als virtueller Notizblock
Ganz praktisch lassen sich Weblogs auch als virtueller Notizblock verwenden. Da selbst per Mobiltelefon Einträge geschrieben werden können, lassen sich Beobachtungen oder Reflexionen von jedem Ort aus in die Webseite einfügen. Und offenbar dienen Blogs dabei auch als Resteverwerter:
"Bloggen ist für mich Stilübung, Tagebuch, Journal, Skizzenkladde für Essays, Zettelkasten, Chronik, Kolumnenentwürfe." "Festhalten von Erfahrungen und Testergebnissen, die sich nicht unmittelbar für Artikel verwerten lassen."
Als weitere wichtige Funktion im Zusammenhang mit der Publikation von Inhalten ist die Testfunktion zu nennen. Unfertige Texte und Textfragmente können vor ihrer eigentlichen Veröffentlichung einem breiteren Publikum angeboten werden. Massenmedien (insbesondere Zeitungen) bauen Weblogs als neues Instrument in das schon bestehende Webangebot ein. Rabe (2004) spricht von Blogs als Marketing-Instrument, das vor allem freien Journalisten hilft, ihre Texte zu verkaufen. "Der 41-jährige Thomas Jungbluth, freier Computer-Journalist, beispielsweise, versteht sein Weblog als Marketing-Instrument, mit dem er Redaktionen auf sich aufmerksam machen kann."
Auch ein von einem etablierten Medium betriebener Blog kann einen werblichen Charakter annehmen. Zwar können Texte formal als Weblog klassifiziert werden, aber de facto sind sie Teil des massenmedialen, onlinejournalistischen Angebotes. Internationale Beispiele sind der Guardian oder die BBC, in Deutschland hat die Wochenzeitung "Die Zeit" mit www.zeit.de/blogs ein starkes online-journalistisches Blogforum geschaffen. [1]
Das Recherchetool
Die zweite wichtige Funktion von Weblogs ist neben der publizistischen die Recherchefunktion. Weblogs werden zunehmend eine Informationsquelle sein, auf die sich traditionelle Medien verlassen, prophezeite der Journalist und Szene-Veteran Doc Searls im Jahr 2000 (vgl. Lasica). Blogs spülen Nachrichten und Ideen oft Tage vor den Leitmedien nach oben und sind zu einer Quelle für professionelle Nachrichtensammler geworden (vgl. Wegner 2002). Für Journalisten können sie Themenkompass und zugleich Frühwarnsystem sein. Das zeigen die Antworten der Leipziger Kurzumfrage:
"Die Auswahl, das Aufbereiten und das Publizieren von interessanten Texten ist Teil jeder Redakteurstätigkeit. (…) Zudem sehe ich mein Nachspüren nach interessanten Geschichten auch als Recherchetätigkeit."
Journalistische Recherche kann ganz allgemein als Researchtätigkeit definiert werden, die – systematisch betrieben – eine bestimmte Struktur aufweist und nach festen Regeln betrieben wird. Weil Weblogs als öffentlich zugängliche Seiten im Internet abgelegt sind, können sie quantitativ ausgewertet werden. Durch ihre offene und zugleich vernetzte Struktur bieten sie außerdem die Möglichkeit, die Entwicklung von Meinungen und das Entstehen von Trends zu beobachten.
Eine Reihe von Start-up-Unternehmen versucht mittlerweile, vornehmlich in den USA, dieses Potenzial zu erschließen. Der erste Schritt bei der Auswertung von meinungsbildenden Weblogs ist deren Identifikation. Auf diese Weise können meinungsbildende Blogs beobachtet werden, die sich auch an kleine Teilöffentlichkeiten wenden.
Recherche auf Fachblogs
Neben den Meinungsbildnern können Journalisten auf der Suche nach Recherchematerial so genannte Fachblogs konsultieren. So konstatiert die Neue Zürcher Zeitung (2005), dass zur wachsenden Blogosphäre immer häufiger Fachleute gehören, die "thematisch fokussierte Informationen aufarbeiten, verlinken und öffentlich zur Verfügung stellen". In Deutschland finde man besonders viele Juristenblogs, im Fachjargon Blawgs genannt. Der Infobroker Andreas Litscher, Macher des Schweizer Blogs recherchenblog.ch, bestätigt, dass Beiträge in Fachblogs insbesondere für die journalistische Ausgangsrecherche wertvoll seien.
Eine Recherche kann selbstverständlich auch ex-post stattfinden: als Erfolgskontrolle eines veröffentlichten Artikels: "Viele Journalisten, auch die, die gar kein eigenes Weblog haben, nutzen Blog-Indizes (…), um den Erfolg einer Geschichte oder die Konjunktur eines Themas in der Blogosphäre zu verfolgen. Leander Kahney, der für den US-IT-Nachrichtendienst Wired News tätig ist, gibt ganz offen zu: «Ich will sehen, wie meine Geschichten ankommen, und bin neugierig, wer sie verlinkt und was über sie gesagt wird»" Diese Trendauswertungen entsprechen im Wesentlichen der Auswertung traditioneller Medien, wie sie von Unternehmen selbst oder auch von Forschungsinstitutionen durchgeführt werden.
Im Sommer 2005 nun startete die Abteilung Journalistik im Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig unter Leitung von Prof. Michael Haller eine zusätzliche, breit angelegte Onlinebefragung unter deutschen Medienschaffenden ("Zukunft des Journalismus", www.uni-leipzig.de/~zdj ). Für die Umfrage wurden rund 80.000 Medienschaffende per E-Mail angeschrieben, mit Hilfe der wichtigsten Berufsverbände (DJV und Ver.di) sowie in Kooperation wichtiger berufsbezogener Datenbankbetreiber (Kress und Stamm). 5311 Journalisten, Werber und PR-Fachleute füllten mindestens einen Teil des 24-seitigen Online-Fragebogens aus. [2] 65,7 Prozent der Befragten waren Männer, 34,3 Prozent Frauen.
Eine Fragenbatterie hatte den Umgang der Befragten mit Weblogs zum Gegenstand. Fast zwei Drittel aller Medienschaffenden (63 Prozent, 3.349 Befragte) kennen Weblogs und 15 Prozent (779 Befragte) machen davon Gebrauch. Damit liegt der Anteil der Ahnungslosen (Nichtkenner) bei den Journalisten deutlich unter dem der deutschen Internetnutzer insgesamt. Die Zahl der tatsächlichen Weblognutzer ist dagegen bei den Journalisten ungefähr so hoch wie in der Internet nutzenden Gesamtbevölkerung. Es lässt sich also resümieren, dass Journalisten durchaus besser informiert sind, selbst aber bisher keinen stärkeren Gebrauch von der neuen Technik machen als andere Bevölkerungsteile.
[1] "Die Zeit" setzt nach Angaben der Chefredaktion auf Blogs, weil sie eine große inhaltliche und stilistische Vielfalt erlauben, Spielwiesen für Promi-Autoren und Testfelder für journalistische Neulinge sind sowie leichtere Themen bieten als die Papierausgabe bieten.
[2] Die angestrebte Grundgesamtheit dieser Studie waren die deutschen Journalisten. Intendiert war eine Vollerhebung. Da es kein Gesamtverzeichnis deutscher Journalisten gibt, wurden mit Hilfe von Verbänden und berufsbezogenen Datenbanken so viele Personen als möglich per E-Mail angeschrieben. Die tatsächliche Grundgesamtheit bildete somit die Gruppe der Medienschaffenden, die in einem Verband organisiert oder in einer Fachdatenbank eingetragen sind und die über einen Internetanschluss verfügen. Medienschaffende deshalb, weil sich darunter auch Personen aus den Bereichen PR und Werbung befinden.
Bitte beachten Sie unsere Informationen zum Datenschutz.
blog comments powered by Disqus© 2012 FEiG & PARTNER