Woran liegt es wohl, dass immer mehr bekannte Portale beim Relaunch Ihrer Websites auf dieEinhaltung moderner Webstandards achten? Von MTV bis ZEIT , von Barmer bis Pfizer – guteGestaltung und gute Zugänglichkeit gehen Hand in Hand. Freilich, es ist nicht alles Gold,was glänzt. Kleinere Macken und unachtsamer Umgang mit den neu erworbenen Websites führenzuweilen dazu, dass die Nachhaltigkeit gefährdet wird, wie zum Beispiel bei MTV.
Dort hatman zwar auf nerviges "Klickibunti" weitestgehend verzichtet und dabei auch gleichLayout-Tabellen den Garaus gemacht, allerdings hat man bei der standardkonformen Umsetzungder neuen Website auch ein wenig geschlampt. In der Folge validieren die Seiten nicht undbeim genauen Hinsehen fallen auch die automatisierten Alternativtexte für Bilder sehrunangenehm auf.
Zeit für einen Wandel
Auch die ZEIT hat sich – ebenso wie WELT ONLINE – von Layout-Tabellen verabschiedet, beidePortale sollten nun also rank und schlank sein. Zumindest bei der ZEIT ist das jedochnicht der Fall: Fast ein Megabyte wiegt der erste Seitenaufruf – wohl dem, der eineDSL-Verbindung sein Eigen nennt.
Die Tabellen-Layout-Variante der Seite hatte zwar auchrund 300 Kilobyte, war damit aber immer noch rund zwei Drittel kleiner als die aktuelleVersion.
Das hat man beim Relaunch der WELT ONLINE deutlich besser hinbekommen: Dort wiegtdie neu gestaltete Website rund 350 Kilobyte, die Vorgänger-Version mit Layout-Tabellenbrachte es auf stolze 650 Kilobyte.
Einen Großteil machen bei beiden Version schlechtoptimierte Bilder aus – eine Krankheit großer Portale, die aus Unwissenheit und blindemTechnikvertrauen resultiert. Oftmals werden Grafiken direkt im CMS bearbeitet und dann imfalschen Format bzw. ohne Weboptimierung gespeichert – mit verheerenden Folgen.Quadratische Mini-Bilder mit gerade mal 100 Pixel Kantenlänge mutieren zu 80 Kilobytegroßen Speicherfressern, wo es nur 6 Kilobyte hätten sein müssen.
Doch es gibt auch andere Ladezeiten-Ungeheuer, speziell seitdem hippe Effekte mit jQuery , moo.fx und Co. in Form von JavaScript stark im Kommen sind. Kein Wunder also, dass beidePortale sich mit mächtigen Funktionserweiterungen schmücken, die sich wiederum auf dieLadezeit auswirken. Dies ist sicherlich auch ein Resultat der kollektiven Massenhysterie:Während bei Veranstaltungen wie next07 oder dem WEB 2.0 Kongress der Hype rund um AJAX undschicke Effekte geschürt wird, fristen die Themen Webstandards und Barrierefreiheit in deröffentlichen Wahrnehmung eine Art Schattendasein abseits des Scheinwerferlichts.
Zwar gibtes auch hier Veranstaltungen, wie Best of Accessibility – Symposium BarrierefreiesWebdesign , webinale 07 oder zahllose BarCamps , aber der breiten Öffentlichkeit ist Web 2.0 bekannterals Barrierefreiheit, selbst wenn kaum jemand weiß, was beide Begriffe wirklich bedeuten.
Blogs als Nährboden für aufkeimende Entwicklung
Wer heute ein Weblog sein Eigen nennt und eines der zahlreichen Blogsysteme im Einsatzhat, tut damit zumeist auch etwas für Webstandards – sei es nun wissentlich oderunwissentlich. Fakt ist: Fast alle Weblogs basieren heute auf validem HTML, kommen ohneLayout-Tabellen aus und nutzen Cascading Stylesheets zur Gestaltung.
Dies vor allemdeshalb, weil zahlreiche frei verfügbare Layouts (Themes) bereits mitgeliefert werden undden zuvor genannten Webstandards entsprechen. Auf der anderen Seite fördert aber auch dassoziale Miteinander, auch Web 2.0 genannt, diesen Trend: Man tauscht sich intensiver überTechnik aus, lernt von anderen Blog-Schreibern und trägt durch den kollektiven Austauschzur Verbreitung der Idee bei.
Vielleicht würde die Entwicklung noch besser verlaufen, wenn man in Studium und Ausbildungendlich die Themen Barrierefreiheit, Usability und Webstandards mit berücksichtigen würde.Scheinbar fällt es den entsprechenden Institutionen nicht leicht, mit denEntwicklungsschüben Schritt zu halten, weshalb es immer an einzelnen Personen liegt, wieund ob die vorgenannten Themenblöcke in den Lehrplan integriert werden. Deshalb ist geradeder Positiv-Trend jener, die Blogs, Wikis oder ähnliches betreiben, von so großerBedeutung: Sie sind die hoffnungsvollen Keimzellen der Webstandards.
Webstandards sind keine Modeerscheinung
Das zeigen Beispiele, wie WELT ONLINE oder neuerdings auch der SWR ganz deutlich.
Sie sind das Ergebnis langjähriger Erfahrungenund dem daraus resultierenden Wissen, dass die Einhaltung von Standards und Richtlinienallen zugute kommt. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, wie sehr präzise diese Standardseingehalten werden, auch wenn das unter Webstandards-Hardlinern gerne anders gesehen wird.Wichtig ist, dass sich mehr und mehr Verantwortliche auf den Weg machen und moderneWebstandards einsetzen.
Kernsanierung im Web
Leider ist die Quote derer, die Webstandards einsetzen, im Verhältnis zu jenen, denenWebstandards noch nichts bedeuten, zum gegenwärtigen Zeitpunkt relativ gering. Weltweit.Hoffnung machen die Entwicklungen des Web 2.0, die nicht mehr aufzuhalten oder umzukehrensind. Zuviele machen bereitwillig mit und verbreiten so, bewusst oder unbewusst, immerauch Webstandards.
Neue Websites sollten, ähnlich wie Wohnhäuser, nicht immer einfach nur renoviert werden.Neue Tapeten und Teppiche ändern nichts daran, dass kein Aufzug in den fünften Stockführt, dass das warme Wasser mit einem Boiler erzeugt werden muss und es im Winter durchdie Fenster zieht. Oder um es anders zu sagen: Häufig ist eine Kernsanierung dielangfristig bessere und kostengünstigere Lösung.
Zugänglichkeit, Komfort, Ausstattung undLebensqualität verbessern sich häufig automatisch durch den zielgerichteten Einsatz vonWebstandards
Dazu muss man allerdings die Grundlagen verstanden haben, sonst kommenLösungen heraus, wie bei der ZEIT: Lange Ladezeiten, mangelhafte Unterstützung ältererAusgabegeräte und ohne JavaScript geht fast gar nichts. Die Folge: Frustration beim Nutzerund fast zwangsläufig der Klick zur Konkurrenz. Dieses Verhalten ist so alt, wie das Web.
Häufig fehlt es am Wissen um die Basics. Daran tragen jene, die Webstandards nach vornegebracht haben und bringen leider eine nicht unerhebliche Mitschuld. Diese Vorkämpfer sindder Masse enteilt, befassen sich mit esoterischen anmutenden Spezialfällen und vergessendabei leider allzuoft die Menschen, die man mit auf die Reise nehmen wollte: Alle, denenWebstandards noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind, die den Anfang des Fadenssuchen. Wer den roten Faden einmal gefunden hat, sei es in Form eines Buches, einesSymposiums oder eines BarCamps, dem offenbaren Webstandards einen Ozean neuerMöglichkeiten, in den man eintaucht und dessen Wellen einen an immer neue Ufer tragen:Surfen in Reinkultur.
© 2012 FEiG & PARTNER