Studie zur Lesbarkeit von Text im Web


Schreiben, um gelesen zu werden

Wir machen uns nichts vor: Dank der Untersuchungen von Jakob Nielsen und aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Text im Internet kaum gelesen wird. Längerer Text schon gar nicht.

Doch wie bringen Sie die Besucher einer Site dazu, dennoch die Inhalte zu lesen, die Ihnen als Betreiber wichtig sind? Dafür gibt es einige Regeln, die teilweise auf der Hand liegen. Es fehlte aber bisher vielfach eine wissenschaftliche Grundlage, die beweist, dass Ihr Text gelesen wird, wenn Sie sich an diese Regeln halten. Fast alle beruhen auf den Untersuchungen, die Nielsen 1997 mit einer amerikanischen Site durchgeführt hat.

Studie zur Lesbarkeit von Text im Web

Auf der Tagung „Mensch und Computer“ beim Usability Professional’s Track, die am 5.9.2005 in Linz beginnt, werde ich die Ergebnisse einer aktuellen Studie zur Textqualität auf deutschsprachigen Websites vorstellen. (An dieser Stelle nochmals meinen Dank an die Teilnehmer, viele von ihnen sind Abonnenten dieses Newsletters!)

Hier vorab die wichtigsten Fakten in Kürze:

Die Testwebseite

Ich habe eine Website einer fiktiven Firma erstellt, die Computer, Zubehör und IT-Beratung anbietet. Die Site besteht aus 28 HTML-Seiten, die Text, wenige Formularen und einige Fotos enthalten.

Der Text der Rohfassung hat etwa die Qualität, wie sie auf vielen Websites von Mittelstandsfirmen üblich ist. Er entstand durch die Kombination von Texten, die mir Kunden als Ausgangmaterial für Website-Inhalte geliefert haben und aus abgewandelten Texten, die so im Web zu finden sind.

Die Inhalte sind bei allen fünf Testversionen gleich, auch die Textmenge ist ähnlich groß. Die Unterschiede:

  • Rohfassung: lange Texte, viele Fachwörter, schlechter Sprachstil (Nominalstil, viel Passiv, Floskeln), kaum gegliedert
  • Gegliedert: keine Textänderung; nur Gliederung durch Zwischenüberschriften, Aufteilung auf mehrere Absätze, Listen
  • Gegliedert & gekürzt: Streichung von Wiederholungen (inhaltlich, Nebensätze, Wörter)
  • Gegliedert, gekürzt & redigiert: Der Sprachstil wurde stark verbessert (Aktiv, konkrete Formulierungen, kein Nominalstil, kurze Sätze, wenig Fachwörter)
  • Gegliedert, gekürzt & redigiert; stark werblich: Text wie zuvor, nur mit vielen Superlativen und Übertreibungen („die allerbesten“ etc.) und Überschriften, die stärker werblich sind oder mit Wörtern spielen

Die Anlage der Studie

In einem Online-Test arbeiteten 121 Freiwillige selbstständig an ihrem eigenen Computer jeweils mit einer der fünf Varianten. In zwei Aufgaben mussten sie Informationen auf der Site finden. Danach konnten sie die Site so lange ansehen, wie sie wollten. Im Anschluss wurden die Testpersonen per elektronischem Fragebogen zu ihrer Meinung über die Site befragt. Abschließend sollten sie aus dem Gedächtnis Fragen zum Inhalt beantworten.

Ergebnisse beim Bearbeiten der Aufgaben

Die Testpersonen sollten in zwei Aufgaben Inhalte auf der Site finden. Diejenigen, die mit der gegliederten, gekürzten und redigierten Fassung gearbeitet haben, kamen am schnellsten zum Ziel. 88 bis 93 Prozent der Teilnehmer lösten die Aufgaben korrekt, einen Zusammenhang mit der verwendeten Version gab es nicht.

Ergebnisse bei der Erinnerung

Nachdem die Testpersonen sich die Site so lange angesehen hatten, wie sie wollten, sollten sie Fragen zu deren Inhalt beantworten. Dabei lagen die Gesamtraten der richtigen Antworten bei 41 bis 44 Prozent. Einen deutlichen Unterschied gab es nur bei zwei Fragen. Bei diesen schnitt die Rohfassung deutlich schlechter ab als die anderen Versionen.

Beurteilung der Webseite

Nach dem Test konnten die Teilnehmer die Site in einem Fragebogen beurteilen.

Die Version der Website mit den Texten in der Rohfassung habe ich als Ausgangsbasis für die Bewertung verwendet – sie definiert 0 Prozent. Jeder ermittelte Punktwert bezieht sich also auf diese Rohfassung.

Ein Beispiel: zeigt eine Variante der Site 25 Prozent Verbesserung heißt das, dass sie 125 Prozent der Punkte bekommen hat, mit denen die Testpersonen die Rohfassung bewerteten.

Die Testpersonen beurteilten die Gesamtqualität der Site mit redigiertem Text 25 Prozent besser als die Rohfassung. Die Usability bewerteten sie sogar 48 Prozent höher.

Den Text der Rohfassung fanden 39 Prozent der Testpersonen zu lang; bei der optimal aufbereiteten Fassung waren es 0 Prozent. Die Textgliederung kritisierten 22 Prozent der Tester der Rohfassung; bei der optimal aufbereiteten Fassung wurde sie nicht beanstandet.

Die Bearbeitung des Textes steigerte auch das Vertrauen in die Betreiber der Site um 12 Prozent und die positiven Gefühle um 23 Prozent.

Besonders eindrucksvoll ist die Antwort auf die Frage, ob die Testpersonen bei der Firma kaufen würden: Sie war bei der redigierten Testversion um 43, bei den werblich formulierten Texten sogar um 50 Prozent höher als bei der Rohfassung.

Bewertung der Ergebnisse

Beim Lösen der Aufgaben und bei der Erinnerung an die Inhalte unterschied sich die Fehlerrate kaum zwischen den Versionen. Die Testpersonen waren nur bei den besser aufbereiteten Texten etwas schneller.

Alle Testpersonen gaben an, das Web mindestens an 5 Tagen die Woche zu nutzen. Vermutlich sind sie inzwischen Profis darin, durch Überfliegen auch aus großen, ungegliederten Textmengen die relevanten Informationen herauszufiltern.

Bei der Bewertung dagegen spielte die Qualität der Texte eine große Rolle. Je höher sie ist, desto positiver beurteilten die Benutzer die Site und desto höher war ihr Vertrauen in deren Betreiber.

Wie werblich die Sprache sein darf, muss von Fall zu Fall entschieden werden. Textqualität und Usability wurden zwar geringer eingeschätzt, wenn der Text viele Übertreibungen enthält und die Überschriften nicht beschreibend, sondern eher unterhaltend sind. Dennoch beantworteten bei dieser Version die Frage nach der Kaufbereitschaft 50 Prozent mehr Benutzer positiv als in der Rohfassung (in der Version mit den sachlich redigierten Texten lag der Wert bei 43 Prozent). Eine Firmensite darf sicher werblicher formuliert sein als z.B. eine Site, die Touristenziele beschreibt.

Fazit

Die Untersuchung zeigt, dass sich die Usability und die Kaufbereitschaft entscheidend steigern lassen, wenn die bekannten Regeln für nachvollziehbare Gliederung und gute Formulierung von Texten im Web eingehalten werden, wie sie Nielsen oder Krug vielfach beschrieben haben. Es wird klar, dass nicht nur gute Gliederung und kurze Texte allein genügen – auch wenn damit schon einiges gewonnen ist.

Wollen Sie also maximalen Erfolg für Ihre Site, achten Sie auch auf gute Texte – sie sollten so benutzerfreundlich sein wie die ganze Site.

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Bildquellen

  • Reading: http://photodune.net/user/nito100
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