Content Audit – Website-Bestandsaufnahme vor dem Redesign

Wer eine Website überarbeitet, der kommt kaum um ein Content Audit herum. Ein Content Audit ist eine gründliche Analyse aller Inhalte Ihrer Site. Eine solche Inhaltsanalyse ist vor allem eines: langwierig. Und für die meisten Menschen nicht gerade spannend.

Warum sollte man so ein Vorhaben trotzdem angehen beim Relaunch einer Website?

Hauptgrund ist, dass Sie nur so einen Überblick über Ihre ganze Site bekommen. Und mit solch einem systematischen Vorgehen finden Sie tatsächlich alles. Oft sind die Beteiligten überrascht, was beim Content Audit zutage kommt: die Einladung zu einer vor Jahren abgesagten Veranstaltung. Die Ankündigung eines längst nicht mehr hergestellten Produktes. Ein Blogbeitrag, in dem man eine Meinung vertreten hat, die sich als falsch herausgestellt hat. Oder, auch sehr häufig: vielfache Versionen ein und desselben Inhalts.

Alle diese Dinge lassen Ihre Site nicht gut aussehen – bei den Besuchern nicht und auch nicht bei den Suchmaschinen.

Ein Content Audit (Inhaltsanalyse) ist untrennbar verbunden mit einem Content Inventory (Inhaltsinventar). Im Content Inventory erfassen Sie alle Inhalte Ihrer Site (quantitative Analyse). Darauf folgt die Bewertung dieser Inhalte, der Content Audit (qualitative Analyse). Wie so oft ist der Sprachgebrauch unterschiedlich: Manche sagen auch, das Content Inventory ist das Ergebnis des Content Audits – in dem Fall stehen die Ergebnisse des Audits mit in der Liste, also im Inventory. Aber wie auch immer Sie es nennen – wichtig ist vor allem, Sie tun es.

Content Inventory – Inhaltsinventar

Am Anfang steht in jedem Fall das Content Inventar oder Inhaltsinventar („content inventory“) als die Inventarliste Ihrer Website, die jedes einzelne Inhaltselement verzeichnet.

Das Traurige ist: Eigentlich sollte niemand ein Content Inventory brauchen. Denn in einer idealen Welt hätten wir alle auf unserer Website nur aktuelle, hochwertige Informationen, die problemlos zu finden sind und die Nutzer lieben. Doch in der Praxis ist das leider nicht so. Und selbst wenn – wir Menschen sind völlig überfordert damit, eine so große Menge an Information im Überblick zu behalten, wie sie auf mittleren und größeren Sites üblich sind. Und ebenso überfordert sind damit leider auch die Content Management Systeme.

Daher bleibt ein großes Stück Handarbeit.

Im Content Inventory erfassen Sie:

  • HTML-Seiten (Texte)
  • PDFs
  • Bilder (Fotos, Diagramme…)
  • Audiodateien
  • Videos
  • Interaktive Elemente (von Spielchen über Simulationen bis hin zu komplexen Konfigurationsassistenten u.Ä.)

Für jedes Element halten Sie fest:

  • Seitentitel
  • URL
  • weitere Meta-Elemente (Description, Alt-Texte…)
  • Erstellungs- und letztes Änderungsdatum
  • Autor und/oder Verantwortlicher

Praktisch ist auch, für jedes Element eine ID zu vergeben, also eine Nummer, mit der man die Seite schnell identifizieren kann. Das ist bei der Kommunikation bequemer, als immer die URL zu verwenden. Außerdem kann es evtl. sinnvoll sein, für die Inhaltselemente noch zu erfassen:

  • Kategorie
  • Schlüsselwörter (Tags)
  • Typ (Blogpost, Produkt-Beschreibung, Hilfe-Seite, Pressemitteilung…)
  • Ausgehende Links/Verweise/Seitenleiste
  • Anzahl an Kommentaren
  • Anzahl an Links, die auf das Element verweisen
  • Analytics (Nutzungs-Statistiken wie Anzahl der Aufrufe etc.)

Der letzte Punkt ist besonders wichtig: Der Berater McGovern war an der Überarbeitung von vielen riesigen Sites beteiligt. Er schreibt: „Microsoft.com hat ungefähr 10 Millionen Seiten, schätzungsweise 3 Millionen davon wurden noch kein einziges Mal aufgerufen.“

Drei Millionen Seiten. Diese Seiten, die niemand ansieht, sind eine echte Belastung. Für die Menschen, die sie pflegen müssen. Für die Nutzer, welche diese Seiten behindern, zu den wirklich interessanten Inhalten zu kommen. Und für die Suchmaschinen, die herausfinden müssen, welche Seiten wirklich gut und relevant sind. Erfassen Sie also am besten auch gleich, wie häufig die Seiten aufgerufen werden.

Wenn Sie Konversionen ermitteln können, dann erheben Sie auch diese Daten für Ihre Seiten. Also zum Beispiel die Information, wie viele Besucher auf der jeweiligen Seite etwas gekauft haben oder z.B. Ihren Newsletter abonniert haben. Der Grund ist klar: So finden Sie heraus, welche Seiten besonders erfolgreich sind. Auch die Anzahl, wie häufig eine Seite in Sozialen Medien geteilt wurde, ist natürlich interessant.

Der Kompromiss, wenn Sie zu viele Seiten haben

Haben Sie eine sehr große Site, dann sollten Sie trotzdem alle Inhalte erfassen. Nur wenn Sie das auf keinen Fall können – aus Zeit- oder Geldmangel – dann machen Sie Kompromisse:

  1. Erfassen Sie alle Seiten der 1. Ebene (vereinfacht gesagt alle, die mit einem Klick von der Startseite aus erreichbar sind).
  2. Sehen Sie sich die Zugriffsstatistiken an. Wählen Sie dann die folgenden Seiten aus:

o    Die 20 am häufigsten besuchten

o    Die 20 am seltensten besuchten

o    20 der durchschnittlich oft besuchten

  1. Führen Sie dann ein Content Audit mit diesen Seiten durch.

Wenn Sie ein Blog betreiben, können Sie auch ältere Beiträge auslassen (z.B. älter als 2 Jahre).

Vorgehen

Bevor Sie mit dem Content Inventory starten, legen Sie das Ziel des Audits fest.

Ziele können sein:

  • Ist-Zustand für Überarbeitung ermitteln
  • Lücken feststellen
  • Doppelungen finden
  • Unterschiede in Detailtiefe, Anspruch/Zielgruppe oder Darstellung finden
  • Grundlagen für Styleguide ermitteln
  • Veraltete Inhalte finden
  • Gute Inhalte identifizieren
  • Neue Themenideen entwickeln

Legen Sie fest, welche Informationen Sie wirklich brauchen. Nachdem Sie diese für jede einzelne Seite erheben, summiert sich der Aufwand schnell – und den wollen Sie nur für die Sachen betreiben, die Sie wirklich brauchen.

Die Ergebnisse tragen Sie in eine Tabelle ein (z.B. Excel). Diese hat z.B. folgende Spalten:

  • ID
  • Seitentitel
  • URL
  • Erstellungsdatum
  • letztes Änderungsdatum
  • Autor
  • Verantwortlicher
  • Beurteilung/to-do
  • Kommentar
Content Inventory

Quelle: Jens Jacobsen

So kann ein einfaches Content Inventory aussehen.

 

 

 

 

 

Meine Vorlage können Sie herunterladen und für Ihre eigenen Projekte verwenden: Content-Audit-Inventory-Vorlage.xls

Ein paar technische Tipps zur Durchführung

Ein guter Ausgangspunkt für Ihr Inventar ist eine Dateiliste bei statischen Sites (directory). In dieser stehen u.a. alle HTML-Seiten.

Haben Sie ein Content-Management-System (CMS), dann lassen Sie dies eine Liste aller Ihrer Inhalte exportieren. Das ist leider nicht immer einfach – aber meist trotz allem schneller, als die Liste von Hand zu erstellen.

Tools wie SiteOrbiter (Mac) oder Xenu Link Sleuth (Windows) können Ihnen eine Übersicht aller Ihrer Seiten erstellen, wenn Sie anders nicht an eine solche herankommen. Beide sind nicht besonders schön oder ganz leicht zu bedienen, aber auch hier lohnt sich die Mühe dennoch.(Anmerkung: Leider gibt es SiteOrbiter derzeit nicht im deutschen AppStore, daher kann man das Programm mit einem deutschen Account nicht laden.)

SiteOrbiter bildet die Dateistruktur Ihrer Site ab.

Quelle: SiteOrbiter

SiteOrbiter bildet die Dateistruktur Ihrer Site ab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Sie mehr als 50 Seiten haben, dann führen Sie zunächst einen Testdurchlauf mit ca. 30 Seiten durch. Erstellen Sie für diese Seiten das komplette Content Audit und sprechen Sie das Ergebnis mit allen Beteiligten durch. Stellen Sie diesen (und sich) dabei folgende Fragen:

  • Fehlen für die erfassten Seiten Infos?
  • Gibt es Dinge, die erhoben wurden, die man nicht braucht?
  • Kann man die Arbeit irgendwie vereinfachen oder aufteilen?

Content Audit – Inhaltsanalyse

Als nächster Schritt kommt das Content Audit. Das Audit ist die Analyse zum Inventar. Sie beurteilen dabei also das, was Sie gefunden haben.

Eine typische schnelle Beurteilung hat diese Kategorien:

  • gut & aktuell – bleibt
  • wichtig, aber nicht aktuell/nicht hochwertig – überarbeiten
  • verzichtbar – löschen

Die wichtigste Aktivität nach einem Content Audit bei großen Sites ist: Seiten löschen. Alles, was nicht unbedingt nötig ist, muss weichen. Diese radikale Pflege tut allen gut – Ihnen als Site-Betreiber, den Kollegen, welche die Seiten pflegen müssen, den Besuchern, weil sie die guten Inhalte leichter finden und Ihrem Suchmaschinenranking, weil die Suchmaschinen die Gesamtqualität Ihrer Seiten höher einschätzen.

Leiten Sie die URLs der gelöschten Seiten aber unbedingt auf andere, inhaltlich passende Seiten um. So stellen Sie sicher, dass Nutzer nicht ins Leere laufen, wenn sie einen alten Link anklicken. Nur die schlechten Seiten, die unverzichtbar sind, aktualisieren Sie. Dabei hat es sich bewährt, diese noch zu priorisieren. Das heißt, Sie geben vor, welche Probleme als Erste gelöst werden sollen.

Ein Kompromiss ist, einzelne Seiten mit „noindex/follow“ auszeichnen und damit aus dem Index der Suchmaschinen herausnehmen. So bleiben alle internen und externen Links auf diese Seiten intakt, aber Nutzer stoßen nicht mehr über Google & auf diese veralteten Seiten. Sondern sie finden hoffentlich bessere, aktuellere von Ihrer Site mit ihrer Suchmaschine.

Content Inventory ohne Inhalte

Ein Content Inventory können Sie auch erstellen, bevor Sie überhaupt Inhalte für Ihre neue Website haben. Denn ein Content Inventory für eine Site, die Sie gerade neu planen, ist sozusagen Ihr Inhaltsfahrplan. Das Content Inventory bietet die nötige Übersicht, um zu sehen, was man überhaupt an Inhalten erstellen muss. Für die Zeitplanung eine unentbehrliche Hilfe!

Rolling Content Inventory

Der Informations-Architekt und Buchautor Louis Rosenfeld empfiehlt, es nicht bei einem Content Inventory zu belassen. Zumindest, wenn man für eine wirklich große Website verantwortlich ist. Statt dessen empfiehlt er rolling content inventories. Also statt einem gründlichen content inventory lieber laufende viele kleine. Er meint, einige Stunden pro Woche sollte man als Web-Verantwortlicher pro Woche dafür aufwenden. Sehen Sie sich in dieser Zeit an, welche Inhalte neu dazu gekommen sind und beurteilen Sie diese. Sehen Sie sich die aktuellen Zugriffszahlen an und untersuchen Sie die Inhalte, die gerade viel Aufmerksamkeit bekommen.

Content Strategie

Das Content Audit ist auch Basis für Ihre Strategie mit dem Umgang von digitalen Inhalten (content strategy). Mit der Content Strategie legen Sie fest, welche Inhalte Sie in welcher Form wo veröffentlichen wollen. Dabei sollten Sie vor allem die Besucher im Blick haben, aber auch die Suchmaschinen nicht ganz außer Acht lassen. Die beste Definition von Content Strategie kommt von der Pionierin Kristina Halvorson:

Die Content Strategie plant das Erstellen, das Veröffentlichen und die Pflege von nützlichen, zugänglichen Inhalten.

Wie Sie nun eine solche Strategie entwicklen, das ist ein weiteres wichtiges Thema – vielleicht für einen der nächsten Beiträge.

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Bildquellen

  • photodune-7969748-business-audit-xs: photodune - madpixblue
Jens Jacobsen

Jens Jacobsen

Jens Jacobsen ist Website-Konzepter und User Experience Consultant. Als Berater unterstützt er Unternehmen beim Planen und Erstellen von Inhalten aller Art. Er ist Autor des Buchs „Website-Konzeption“ und betreibt das Blog benutzerfreun.de.

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