Agile User Experience – Hype, Rückschritt oder die Zukunft?

Gleich zwei Modebegriffe in einem: agile und User Experience. User Experience, das ist sozusagen die um Spaß und Gestaltung erweiterte Usability. Und agile, das ist die Methode, nach der heute in modernen, großen Teams Software entwickelt wird.

Ist die Kombination dieser zwei Begriffe nun ein Berater-Trick oder eine Journalisten-Idee? Ausnahmsweise nicht – beziehungsweise nur sekundär. Denn als Berater ist damit derzeit nicht viel zu gewinnen. Vielmehr kämpfen einige alte Hasen, die sich schon seit Jahren erfolgreich um Usability & Co kümmern, sich in agilen Entwicklungsteams zu behaupten.

Was ist agile Entwicklung?

Agile Softwareentwicklung ist eine Arbeitsweise, die entstanden ist, weil viele große Software-Projekte gescheitert sind. In der klassischen Entwicklung läuft das so, dass Dutzende von Programmierern monate-, teilweise jahrelang am Code arbeiteten und kurz vor dem Abgabetermin alles zusammensetzen – grundlegende Fehler konnten nicht mehr korrigiert werden, fehlende Funktionen sind in der Tagesordnung und Verspätungen sowieso.

Bei dieser Entwicklung nach dem sogenannten Wasserfall-Modell arbeitete man einen Schritt nach dem anderen ab. Die Agile Entwicklung dagegen setzt auf “Sprints”, das sind Phasen von meist zwei Wochen, an deren Ende ein lauffähiges Stück Software steht

 

Ablaufschema der Entwicklung nach dem Wasserfall-Modell

Wie bei einer Arbeit in einer modernen Fabrik baut jeder Entwickler bzw. jedes Team eigenständig ein Stück des Ganzen und setzen es dann zusammen. Dieses Vorgehen fördert die Teamarbeit, Fehler werden sehr früh entdeckt, die Motivation ist höher, weil man immer wieder sieht, wie etwas funktioniert und vor allem entsteht sehr schnell lauffähiger Code.

Selbst wenn das Projekt abgebrochen wird, einzelne Teammitglieder ausfallen oder etwas anderes Unvorhergesehenes passiert, hat man fast von Anfang an ein Produkt, das man einsetzen kann.

Bei der Software-Entwicklung in großen Firmen ist Agile mittlerweile weit verbreitet. Bei der Website-Entwicklung dagegen kommt es nur gelegentlich bei sehr großen Sites mit komplexen Funktionen vor. Für alle, die in einem solchen Projekt mitarbeiten sollen, hier eine kleine Hilfestellung.

 

Software-Entwicklung nach dem agilen Prinzip

Wie funktioniert agile Entwicklung?

Es gibt verschiedene Varianten von Agile, SCRUM ist wohl die bekannteste. Die Herangehensweisen unterscheiden sich im Detail, das hier auszuführen, würde zu weit führen. Für alle Konzepter und UX-Experten wichtig ist, dass die Arbeit in einem agilen Team ein Umdenken erfordert. Vor allem drei Dinge sind neu:

  • Die UX wird nicht allein bzw. im UX-Team erarbeitet, sondern gemeinsam im Entwicklungsteam.
  • Erstes Ziel ist, so früh wie möglich lauffähige Anwendungen/Seiten zu produzieren.
  • Es ist nicht vorgesehen, viel Zeit für Konzepte zu verwenden. Nach der Definition der Kernfunktionen startet gleich die Umsetzung.

Was jeden UX-Menschen freut: Bei Agile sind während der Entwicklung immer wieder Tests vorgesehen (am Ende jedes Sprints). Die Herausforderung ist, eine ganzheitliche User Experience zu sichern, obwohl bei Agile in winzigen Schritten iteriert wird. Die kurze Recherchephase am Anfang birgt die Gefahr, eine mittelprächtige Lösung in den Iterationen zu optimieren. Eine bessere Lösung erfordert vielleicht den Bruch mit einigem, was schon entwickelt wurde, was in agilen Projekten eigentlich nicht vorgesehen ist.

Die Arbeit in einem agilen Entwicklungsteam ist für jeden gewöhnungsbedürftig. Ein paar Tipps für den Anfang:

  • Beziehen Sie das ganze Team in die Konzept-/UX-Entwicklung ein.
  • Arbeiten Sie so kleinteilig wie möglich und stellen Sie die Ergebnisse so früh wie möglich dem Team vor. Verbessern Sie diese während der Workshops.
  • Führen Sie die allernötigsten Recherchen zu Beginn durch und versuchen Sie diese später zu verfeinern. Sprechen Sie also zum Beispiel als Erstes mit einigen Nutzern über ihre Erwartungen, dann haben Sie schon eine Vorstellung, wie die Site aussehen und welche Funktionen sie haben sollte. Während das Projekt schon läuft, können Sie dann z.B. Personas erstellen und Card Sortings machen.
  • Arbeiten Sie weniger mit den klassischen “Deliverables” wie Konzepten, Personas etc. sondern mehr mit “lebenden” Dokumenten also Tafelanschriften, Post-Its, Skizzen oder Dokumenten auf dem Server, die alle Teammitglieder jederzeit ändern können.
  • Gehen Sie die technisch komplexen Themen zuerst an. Damit gewinnen Sie Zeit: An diesen Dingen sitzen die Entwickler länger, und Sie können noch etwas recherchieren und die grundlegende UX festlegen.
  • Setzen Sie dann das zuerst um, was am wichtigsten für das Endergebnis ist.

Das agile Arbeiten ist anfangs nicht leicht, aber wer die Umgewöhnung geschafft hat, ist hinterher meist zufriedener mit seiner Arbeit wie auch mit dem Arbeitsergebnis.

Weiterführende Informationen und Links

 

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Über den Autor

Jens Jacobsen

Jens Jacobsen

Jens Jacobsen ist Website-Konzepter und User Experience Consultant. Als Berater unterstützt er Unternehmen beim Planen und Erstellen von Inhalten aller Art. Er ist Autor des Buchs „Website-Konzeption“ und betreibt das Blog benutzerfreun.de.
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