Sprache der Zielgruppe


Kleine Worte - grosse Wirkung

Sprache der Zielgruppe: Jakob Nielsen, der bekannte Usability-Experte, ist immer für ein Zitat gut. Er sagt: nur ein Fünftel des Textes auf einer Seite im Web werden gelesen. Das Schöne bei Nielsen: er bringt die Dinge nicht nur gut auf den Punkt, er kann sie auch belegen.

In seiner Kolumne „Alertbox“ stellt er eine Studie vor, die genau das zeigt. Fast 60.000 Seitenaufrufe liegen ihr zugrunde, und sie beweist, dass mehr Text auf einer Seite bedeutet, dass ein geringerer Anteil des Textes gelesen wird. Nielsen geht im Schnitt von 20 Prozent aus, bei höher gebildeten, und daher schneller lesenden Zielgruppen von 28 Prozent.

Das zeigt einmal wieder, dass Ihre Texte im Web kurz sein sollten. Und es zeigt auch, wie wichtig es ist, die richtigen Wörter zu verwenden.

Sprache der Zielgruppe sprechen

Sie kennen mein Mantra: immer an die Zielgruppe denken. Das gilt besonders auch fürs Schreiben. Wie Sie ganze Texte für Webseiten schreiben, darum ging es ja schon öfter bei benutzerfreun.de. In diesem Artikel geht es um die einzelnen Wörter.

Eine Studie der Usability-Berater von eResult hat gezeigt, dass fast ein Drittel der deutschen Internetnutzer den Begriff Web 2.0 nicht kennen. Typische Web 2.0-Schlagworte wie Tagwolke oder Trackback sind zwischen zwei Drittel und drei Viertel der 400 befragten Onliner unklar.

Vorsicht also, wenn Sie sich ganz selbstverständlich täglich in Blogs, Podcasts, Social Bookmarkig Sites, Microblogging-Anwendungen und Mashups bewegen. Es gibt viele Funktionen, die unter dem Begriff Web 2.0 laufen, die sehr hilfreich sind – aber wenig verbreitet. Und wenn Sie solche Funktionen auf Ihrer Site anbieten, diese die Besucher aber nicht verstehen, dann war die ganze Mühe umsonst.

Die Studie von eResult hat übrigens auch gezeigt, dass sogar Begriffe wie „Filtern“ und „Sortieren“ von der Hälfte der Benutzer verwechselt werden. Diese Funktionen sind bei großen Einkaufsites sehr hilfreich. Wenn der Benutzer sie aber falsch bedient, weil er den Begriff nicht richtig verstanden hat, dann führt das zu Frustration. Es passiert nicht, was der Benutzer erwartet hat und er findet das Gesuchte nicht.

Gehen Sie also nie davon aus, dass die Begriffe allen Benutzern klar sind. Hinterfragen Sie die Begriffe vor allem bei neuen Funktionen und bei sehr entscheidenden Funktionen wie einer Bestellung von Waren oder Informationen. Aber selbst bei netten Zusatzfunktionen sollten Sie vorsichtig sein: benutzen Sie zu viele Begriffe, die der Benutzer nicht kennt, fühlt er sich entweder überfordert oder er findet, dass Sie nicht auf seine Bedürfnisse eingehen, weil Sie nicht seine Sprache sprechen. Und beides wollen Sie nicht.

Die richtigen Worte finden

Machen Sie sich die Mühe, die richtigen Worte zu wählen. Oft muss man nur ein wenig nachdenken, um einen prägnanten, passenden Begriff zu finden. Doch wenn Sie sicher gehen wollen, dann müssen Sie Ihre Site in einem Usability-Test überprüfen. Oder Sie sehen sich zumindest die Zugriffsstatistiken an. Wird eine neue Funktion nicht genutzt, dann probieren Sie einen anderen Begriff und beobachten Sie, ob das den Nutzerzahlen auf die Sprünge hilft.

Generell sind Sie mit einfachen, deutschen Wörtern im Vorteil. Diese werden meist leichter verstanden, und viele Benutzer fühlen sich dann sicherer. So kann man statt dem langen und unschönen „downloaden“ auch „laden“ schreiben. Auch wenn „downloaden“ sicher von fast jedem Webnutzer verstanden wird.

Schwieriger wird es beispielsweise mit einer Download-Seite. Die könnte einfach „Downloads“ heißen. Man könnte aber auch „Hintergrundinfos zum Herunterladen“ schreiben. Das ist deutlich länger und das Wort „Herunterladen“ ist nicht schön. Aber dennoch ist diese Überschrift konkreter, es wird schneller klar, was der Benutzer hier findet. „Hintergrundinfos zum Download“ geht natürlich auch. Je nach Zielgruppe wählen Sie die Variante, von der Sie glauben, dass sie besser ankommt.

Generell habe ich meine Scheu vor Anglizismen etwas verloren. Oft beschreiben sie die Dinge prägnanter, oder sie drücken eine Bedeutungsvariante aus, die im Deutschen nicht darzustellen ist. Darüber kann man sich im Einzelfall streiten, aber das möchte ich den Profis überlassen. Anatol Stefanowitsch ist so einer. Er betreut das lesenswerte Bremer Sprachblog, in dem er und gelegentlich Kollegen sich über die deutsche Sprache auslassen – und aber auch über ihre Kritiker. Mit durch Stefanowitsch hat sich meine Haltung zum Sprach-Star Bastian Sick (Autor von „Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod“) verändert. Stefanowitsch bringt gut auf den Punkt, was mich an Sick unterschwellig immer schon gestört hat: Sick weiß einfach immer, was richtig ist. Auch wenn man selbst nicht immer seiner Meinung war – mangels Germanisten-Autorität traute man sich nie zu widersprechen.

Stefanowitsch und seine Kollegen tun das aber eifrig und mit der gebotenen Sachlichkeit und Fachkompetenz. So belegen sie etwa die Existenzberechtigung des Wortes „Slip“ und zeigen, dass es nicht ohne Bedeutungsverlust durch „Unterhose“ zu ersetzen ist.

Übrigens wird die Gegenbewegung gegen Sick immer stärker, inzwischen ist sogar ein Buch erschienen: „Sick of Sick?“ Darin wird dem Beststeller-Autor minutiös nachgewiesen, dass er oft grob vereinfacht und nicht selten sogar ganz falsch liegt.

Fazit fürs Texten von Webseiten: überlegen Sie sich, bei wem Sie mit Ihren Texten ankommen wollen. Findet Ihre Zielgruppe Anglizismen cool, dann sind sie OK. Versteht sie Ihre Zielgruppe nicht, dann suchen Sie passende deutsche Wörter. Aber nicht auf Biegen und Brechen. Die wörtliche Übersetzung „Stöberer“ des Wortes „Browser“ versteht kein Mensch. Bleiben Sie in solchen Fällen beim Fachbegriff und erklären sie ihn, wenn es für Ihre spezielle Zielgruppe nötig sein sollte.

Die passenden Worte finden

Noch ein letzter Hinweis darauf, dass auch Wörter, die verständlich sind, doch die falschen sein können. Mein Kollege Gerry McGovern hat das schöne Beispiel vom OK-Button gebracht. Der erscheint im Web meist bei Meldungen wie „Sie haben das Formular falsch ausgefüllt“. Klar, jeder weiß, dass der OK-Button in solchen Fällen einfach dazu dient, das Fenster zu schließen und den Fehler zu korrigieren. Aber OK ist das eigentlich nicht. Eigentlich ist es eben gerade nicht OK, deshalb gibt es ja eine Fehlermeldung.

Das Beispiel mag Ihnen vielleicht auf den ersten Blick übertrieben feinfühlig vorkommen. Viele Leute achten gar nicht auf die Beschriftung des Buttons. Aber versetzen Sie sich in die Lage Ihres Besuchers. Dieser erwartet, dass alles OK ist und bekommt eine Nachricht, dass dem nicht so ist. Dann fühlt er sich durch das OK möglicherweise nicht ernst genommen. Geben Sie ihm möglichst konkrete Hilfestellung, formulieren Sie höflich und bleiben Sie nicht auf der lapidaren, technischen Ebene. Statt „Sie haben das Formular falsch ausgefüllt.“ lieber etwas wie „Bitte füllen Sie das Feld ‚Geburtsdatum‘ noch aus“. Der Button könnte dann „Zum Formular“ oder „Fenster schließen“ heißen.

Mehr Informationen

How Little Do Users Read? – Nielsens lesenswerte Kolumne

Infos zur Wording-Studie ; für eine kostenlose Zusammenfassung müssen Sie sich registrieren ( Download-Link )

Das Bremer Sprachblog des Instituts für Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft

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