Industriekommunikation steht unter Druck. Erwartungen steigen, Kanäle werden vielfältiger, Themen komplexer und gleichzeitig bleiben Ressourcen knapp. In diesem Spannungsfeld gibt das Trendbarometer Industriekommunikation 2026 einen nüchternen, aber sehr aufschlussreichen Blick auf den Status quo. Die Studie zeigt nicht nur, was sich verändert, sondern vor allem, wo es hakt. Für Kommunikationsverantwortliche in Industrieunternehmen ist das Trendbarometer daher ein interessanter Realitätscheck.
Das Trendbarometer Industriekommunikation 2026 im Überblick
Herausgegeben vom Bundesverband Industrie Kommunikation richtet sich das Trendbarometer gezielt an Kommunikationsverantwortliche in Industrieunternehmen. Die Studie basiert auf einer breit angelegten Befragung und erhebt den Anspruch, nicht nur Einzelaspekte zu beleuchten, sondern die Industriekommunikation ganzheitlich von Strategie über Kanäle bis hin zu Organisation und Kompetenzen zu betrachten.
Auffällig ist dabei: Viele der Herausforderungen sind nicht neu. Neu ist allerdings ihre Zuspitzung. Themen, die lange „irgendwie mitliefen“, werden nun zu echten Engpässen.
Zwischen strategischem Anspruch und operativer Realität
Ein zentrales Ergebnis des Trendbarometers ist die wachsende Diskrepanz zwischen strategischem Anspruch und operativer Umsetzung. Kommunikation soll strategischer Partner sein, das Unternehmen positionieren, Transformation begleiten und intern wie extern Orientierung geben. Gleichzeitig verbringen viele Teams einen Großteil ihrer Zeit mit operativen Aufgaben, Ad-hoc-Anfragen und kurzfristigen Anforderungen.
Diese Diskrepanz ist kein individuelles Versäumnis, sondern strukturell bedingt. In vielen Industrieunternehmen fehlt eine klare Priorisierung: Alles ist wichtig, alles ist dringend. Strategische Arbeit rutscht dadurch zwangsläufig nach hinten. Und das passiert nicht aus mangelndem Willen, sondern aus Zeitnot.
Das Trendbarometer macht deutlich, dass Industriekommunikation an dieser Stelle einen Wendepunkt erreicht. Ohne bewusste Fokussierung droht sie, dauerhaft im Reaktionsmodus zu bleiben.
Kanäle und Inhalte: Mehr ist nicht automatisch besser
Auch bei den eingesetzten Kanälen zeigt sich ein bekanntes Muster. Digitale Kanäle spielen eine zentrale Rolle, gleichzeitig werden klassische Formate nicht einfach ersetzt, sondern ergänzt. Das Ergebnis ist häufig ein stetig wachsender Kanal-Mix mit entsprechendem Pflegeaufwand.
Die Studie zeigt: Die Herausforderung liegt weniger in der Auswahl der Kanäle als in deren konsequenter Bespielung. Inhalte müssen kanaladäquat aufbereitet und regelmäßig aktualisiert werden sowie auf strategische Ziele einzahlen. Hier geraten viele Teams an ihre Grenzen.
Statt immer neue Formate zu starten, wird im Trendbarometer implizit eine andere Richtung sichtbar: weniger Kanäle, dafür klarer Fokus, sauber definierte Ziele und Inhalte mit Substanz. Industriekommunikation wird dann wirksam, wenn sie nicht alles abdeckt, sondern das Richtige gut macht.
KI in der Industriekommunikation: Zwischen Aufbruch und Unsicherheit
Kaum ein Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie der Einsatz von KI. Auch im Trendbarometer Industriekommunikation 2026 nimmt KI eine relevante Rolle ein. Die Erwartungen sind hoch: Effizienzgewinne, Unterstützung bei Content-Erstellung, schnellere Prozesse.
Gleichzeitig zeigt die Studie eine gewisse Unsicherheit. Viele Kommunikationsverantwortliche sehen Potenziale, aber auch offene Fragen: Wo bringt KI echten Mehrwert? Wie verändert sie Rollen und Qualitätsansprüche? Und wie lässt sich der Einsatz sinnvoll in bestehende Prozesse integrieren?
Deutlich wird: KI wird nicht „die Lösung“ für strukturelle Probleme sein. Sie kann unterstützen, entlasten und beschleunigen, ersetzt aber keine klare Strategie, keine Zieldefinition und keine inhaltliche Verantwortung. Industriekommunikation bleibt ein Führungs- und Denkprozess, kein reines Tool-Thema.
Organisation und Ressourcen: das eigentliche Nadelöhr
Besonders deutlich wird das Trendbarometer bei einem Punkt, der oftmals nur zwischen den Zeilen diskutiert wird: Ressourcen. Viele Kommunikationsabteilungen sind personell knapp aufgestellt, gleichzeitig steigen die Anforderungen kontinuierlich. Hinzu kommt ein wachsender Bedarf an neuen Kompetenzen, etwa in den Bereichen Content-Strategie, Datenverständnis, digitale Formate oder interne Beratung. Der Kompetenzaufbau erfolgt jedoch häufig neben dem Tagesgeschäft, ohne klare Entwicklungspläne oder ausreichende Zeitfenster.
Die Studie legt nahe: Industriekommunikation braucht nicht nur neue Tools, sondern vor allem strukturelle Rückendeckung. Klare Rollen, realistische Zielsetzungen und ein gemeinsames Verständnis darüber, was Kommunikation leisten kann und was eben auch nicht.
Industriekommunikation als interner Orientierungspunkt
Ein spannender Aspekt des Trendbarometers ist die Rolle der Kommunikation innerhalb des Unternehmens. Bei Transformation, Fachkräftemangel und technologischen Umbrüchen wird Kommunikation zunehmend als Orientierungsinstanz für Mitarbeitende ebenso wie für externe Stakeholder gesehen. Diese Rolle kann jedoch nur dann erfüllt werden, wenn Kommunikation frühzeitig eingebunden ist und nicht erst am Ende von Entscheidungsprozessen. Das Trendbarometer macht deutlich, dass hier noch viel Potenzial liegt. Kommunikation wird zwar geschätzt, aber nicht immer konsequent als strategischer Mitgestalter genutzt.
Was das Trendbarometer Industriekommunikation 2026 für die Praxis bedeutet
Aus den Ergebnissen lassen sich klare Schlüsse ziehen. Industriekommunikation steht nicht vor der Aufgabe, sich neu zu erfinden, sondern sich klarer zu positionieren. Priorisierung wird zum zentralen Erfolgsfaktor. Wer versucht, alles gleichzeitig zu bedienen, verliert zwangsläufig an Wirkung.
Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Kommunikation mehr denn je gefordert ist, Haltung zu zeigen, Themen einzuordnen und Komplexität zu reduzieren. Dafür braucht es Zeit, Kompetenz und Rückhalt.
Fazit: Klarheit schlägt Aktionismus
Das Trendbarometer Industriekommunikation 2026 zeigt eine Branche zwischen Anspruch und Realität. Die Herausforderungen sind bekannt, aber sie lassen sich nicht länger ignorieren. Kommunikation wird dann erfolgreich sein, wenn sie sich traut, klar zu priorisieren, strategische Schwerpunkte zu setzen und ihre Rolle selbstbewusst einzunehmen. Nicht mehr Kanäle, nicht mehr Inhalte, nicht mehr Tempo – sondern mehr Klarheit, mehr Fokus und bessere Rahmenbedingungen. Genau darin liegt die eigentliche Botschaft dieser Studie.
Bildquellen
- Trendbarometer Industriekommunikation 2026: DALL-E
No Comment