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Anglizismen und Akronyme

 
Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass wir von IBM, Microsoft und vielen anderen Anbietern mit einer Flut von Anglizismen, Abkürzungen und Akronymen überschwemmt werden. Die Fachsprache der IT-Branche ist für Außenstehende nur noch schwer verständlich, auch wenn viele Begriffe inzwischen in das Umgangsdeutsch eingesickert sind. Frühe Versuche, die Begriffswelt einzudeutschen muten heute fast lächerlich an. Anfang der 80er Jahre wurde man noch von Redaktionen angehalten anstelle von "PC Personal Computer" den Begriff "Kleinrechner" zu benutzen. Das Übel lag darin begründet, dass die Entwicklung der Computertechnologie in den USA vorangetrieben wurde und so ständig neue Anglizismen nach Europa schwappten.
Anglizismus im DMS
Auch die Dokumenten-Technologien-Branche schmückt sich gern mit Anglizismen und laufend werden neue generiert. Sie bezeichnen nicht nur für einzelne Produkte, sondern manche erheben auch den Anspruch, Kategorien und Marktsegmente zu definieren, die für die gesamte Branche Gültigkeit haben sollen. Eine Reihe von Anbietern hat dabei versucht, ihre eigenen Marketing-Begriffe der Branche überzustülpen. Je größer der Anbieter, des do besser war die Chance, dass sich andere einem Begriff anschließen. Eine Reihe dieser angloamerikanischen Begriffe wurden ins Deutsche übertragen. Sie trugen aber hier nicht immer nur zur Klarheit bei. "Workflow" war ursprünglich nur das Routen von Dokumenten durch Netzwerke und keineswegs die voll integrierte "Vorgangsbearbeitung", die der deutsche Homo Bürocraticus erwartete. "Document Management" bezeichnete lediglich die Verwaltung von Dateien zur Überwindung der Probleme des hierarchischen Dateimanagements. In Deutschland wurde aber unter Dokumentenmanagement gleich das gesamte Angebot an Workflow-, Document-Management-, Archivierungs- und Groupware-Produkten subsummiert. Aus einer eng gefassten Klasse von Produkten wurde eine Branchenbezeichnung. Der Begriff "Document" in den USA entspricht nicht dem Begriff "Dokument" im Deutschen, der viel näher an den Urkundenbegriff angelehnt ist. Auch die Umsetzung von "Knowledge Management" in "Wissensmanagement" gelang nur teilweise, da der Anspruch des europäischen Bildungsbürgers an "Wissen" deutlich höher angesiedelt ist als der des US-Bürgers. So diskutierten denn Anbieter und potentielle Anwender munter aneinander vorbei. Die Begriffsumsetzung in die deutsche Sprache half hier nicht weiter, sondern trug eher zur Verwirrung bei.
Einige der neuen Begriffe aus den USA sind in Deutschland historisch vorbelastet. Obwohl nahezu jeder weiß, dass eine "Selection List" nichts anderes als eine Auswahlliste in einem Programmmenu darstellt, gibt es Computerzeitschriften, die den Begriff "Selektion" nicht mögen sondern lieber durch den nicht ganz zutreffenden Begriff "Extraktion" ersetzt sehen wollen. Der Begriff "Selektion" ist durch den Nationalsozialismus negativ besetzt. Dies wird auch bei dem neuen Schlagwort "Collaboration" deutlich, das im Deutschen mit "Kollaboration" übersetzt eine äußerst negative, historisch belastete Bedeutung hat. Darf man nun nicht mehr in einem technisch geprägten Wortschatz von "Collaboration" sprechen, denkt hier jeder sofort auch an die Unsäglichkeiten des zweiten Weltkriegs? Wenn man den Begriff ins Deutsche überträgt, lässt sich diese Gefahr nicht ausschließen. Da aber alle Anbieter im Umfeld von ECM En-terprise Content Management diesen Begriff inzwischen zur Kategorisierung von Produkten benutzen, trägt eine andere Übersetzung von "Collaboration", wie z.B. "Zusammenarbeit" nicht dazu bei, sich ein konkretes Bild der mit dem Produkt verbundenen Eigenschaften zu machen. Also besser nicht eindeutschen, bei den Anglizismen bleiben?
Übersetzungen von Ankronymen?
Die Anglizismen bringen aber noch ein weiteres Verständnisproblem mit sich. Viele der Begriffe setzen sich aus mehreren Worten zusammen und fordern damit die Bildung von Akronymen heraus. DM für Document Management, ERM für Electronic Records Management, ECM für Enterprise Content Management, CRM für Customer Relationship Management, ILM für Information Lifecycle Management ... die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Akronyme verführen dazu, sie leicht auf den Lippen zu führen, häufig nicht mehr wissend, was sie eigentlich bedeuten. Akronyme wehren sich auch erfolgreich gegen eine Übersetzung - denn was würde aus ECM werden, vielleicht UIV Unternehmensinhaltsverwaltung? Dann ist es doch besser bei Anglizismen und den ursprünglichen Akronymen zu bleiben, wenn sie denn wohl definiert und nachvollziehbar sind. Anläufe, wie sie Frankreich unternommen hat, möglichst alle Anglizismen ins Französische zu übersetzen, sollten in Deutschland keine Chance haben. Oder weiß jemand ad hoc was ein System "de la Geide" oder ein "Gestion de contenu" ist?
Quelle: Ausgabe 20040219 des PROJECT CONSULT Newsletters, ISSN 1439-0809.
04/2004, Dr. Ulrich Kampffmeyer

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